Die ersten Erdbeeren der Saison verbergen ein Problem
Sobald die ersten Erdbeeren in den Supermarktregalen auftauchen, locken sie mit leuchtender Farbe und verführerischem Duft. Doch aktuelle europäische Testergebnisse geben echten Anlass zur Sorge. Lebensmittelkontrollen zeigen, dass ein erheblicher Teil der im Handel angebotenen Erdbeeren einen regelrechten Cocktail aus verschiedenen Pflanzenschutzmitteln enthält.
Wissenschaftler richten ihren Blick dabei besonders auf Früchte aus einem südeuropäischen Land, das seit Jahren zu den größten Produzenten weltweit zählt. Sowohl deutsche als auch britische Labors kommen zu einem eindeutigen Schluss: Das intensive Anbaumodell hat konkrete Auswirkungen auf die Qualität der Früchte, die am Ende auf deinem Teller landen.
Entscheidend ist, woher die Erdbeeren stammen und wann du sie kaufst. Ein beträchtlicher Teil wird nämlich in riesigen Gewächshäusern und Folientunneln angebaut, wo die Pflanzen nahezu das ganze Jahr über wachsen – häufig unter Einsatz von Kombinationen aus Fungiziden und Insektiziden.
Was die neuesten Erdbeertests in Europa enthüllten
Im Frühjahr 2023 ließ das deutsche Verbrauchermagazin Öko Test 14 Packungen Erdbeeren analysieren, die in bekannten Handelsketten gekauft worden waren. Das Ergebnis ist wenig ermutigend: In acht von ihnen wiesen Experten Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nach – darunter solche, deren Anwendung die Europäische Union bereits verboten hat.
In den getesteten Proben entdeckten die Wissenschaftler ein Gemisch mehrerer Wirkstoffe. Einige davon sind gefährlich für Bestäuber, andere wecken bei Onkologen Bedenken wegen möglicher krebserregender Eigenschaften.
Unter den nachgewiesenen Substanzen befanden sich unter anderem:
- Ethirimol – ein Fungizid, das als giftig für Bienen gilt
- Cyflumetofen – ein Mittel gegen Milben, das als schädlich für die Artenvielfalt eingestuft wird
- Bupirimat – ein Wirkstoff mit Verdacht auf krebserregende Wirkung
- Spinosad – ein im Ökolandbau zugelassenes Insektizid, das jedoch für einen Teil der Bestäuber toxisch ist
Die meisten belasteten Packungen stammten aus Spanien, das Europa mit frühen Erdbeeren aus dem Folienanbau regelrecht überschwemmt. Früchte aus diesem Land schnitten bei den Tests am häufigsten ungünstig ab.
Sind Bio-Erdbeeren wirklich unbelastet?
Auch Erdbeeren aus ökologischem Anbau sind nicht immer vollständig chemikalienfrei. In einer der als Bio-zertifizierten getesteten Packungen fanden Wissenschaftler Spuren von Spinosad. Dieser Wirkstoff ist im Ökolandbau zwar grundsätzlich erlaubt, darf aber nur unter streng definierten Bedingungen eingesetzt werden – und ist bekannt für seine Toxizität gegenüber bestimmten Bestäubern.
Eine separate, umfangreiche Studie führten britische Wissenschaftler durch. Die Forscher analysierten mehr als 3.300 Erdbeerproben aus dem dortigen Markt. In bis zu 95 Prozent der Proben wiesen sie Substanzen aus der PFAS-Gruppe nach – im Volksmund als „ewige Chemikalien“ bezeichnet, weil sie in der Umwelt nur äußerst langsam abgebaut werden.
In britischen Supermärkten verkaufte Erdbeeren aus Spanien enthielten häufiger höhere PFAS-Konzentrationen als Früchte aus anderen Ländern. Dieser Unterschied weist auf abweichende Anbaumethoden und eine mögliche Kontaminierung aus Quellen hin, die mit intensiver Produktion zusammenhängen.
Warum spanische Erdbeeren mehr Pflanzenschutzmittelrückstände aufweisen
Der Schlüssel liegt im Ausmaß und in der Intensität des Anbaus. Spanien gehört zu den größten Erdbeerproduzenten Europas. In der Region Huelva, in unmittelbarer Nachbarschaft des Nationalparks Doñana, erstrecken sich gewaltige Flächen mit Gewächshäusern und Folientunneln, in denen Erdbeeren nahezu ganzjährig wachsen.
Ein so intensives Produktionsmodell hat konkrete Folgen. Eng bepflanzte Kulturen sind anfälliger für Pilzkrankheiten. Die erhöhten Temperaturen und die Feuchtigkeit unter der Folie begünstigen Schädlingsbefall. Zudem benötigen die Erzeuger riesige Erntemengen in kurzer Zeit – oft schon früh im Jahr.
In dieser Situation greifen die Anbauer zu Kombinationen aus Fungiziden, Insektiziden und Mitteln gegen Milben, um die geforderte Menge zum gewünschten Zeitpunkt zu sichern. Jedes dieser Präparate ist für sich genommen zugelassen, doch ihr kombinierter Einsatz führt dazu, dass auf einer einzigen Frucht mehrere Wirkstoffe gleichzeitig nachweisbar sind.
In französischen Berichten, bei denen Früchte aus konventionellem Anbau in Geschäften untersucht wurden, enthielten rund 80 Prozent der getesteten Proben mindestens einen Pflanzenschutzmittelrückstand. Vergleiche zwischen Packungen aus verschiedenen Ländern zeigen, dass französische Erdbeeren im Durchschnitt etwa 60 Prozent weniger Rückstände aufweisen als spanische.
So lässt sich der Chemiegehalt auf dem eigenen Teller reduzieren
Pestizidrückstände lassen sich im Alltag zwar nicht vollständig vermeiden, ihre Menge in der täglichen Ernährung aber deutlich verringern. Der erste und einfachste Schritt ist ein sorgfältiger Blick auf das Etikett der Verpackung.
Wenn möglich, sollte man Erdbeeren aus Spanien meiden – besonders solche, die sehr früh in der Saison im Handel erscheinen. Die sicherere Wahl sind regionale Erdbeeren, die in der Hauptsaison gekauft werden: also Ende Mai, im Juni und Anfang Juli.
Die Wahl des Herkunftslandes und des Kaufzeitpunkts spielt eine entscheidende Rolle. Die klügste Strategie für Verbraucher setzt auf lokale Erdbeeren aus dem Spätstadium von Mai, dem Juni und dem frühen Juli. Vorteilhaft ist dabei der Griff zu kurzen Lieferketten – Wochenmärkte, Erzeugergemeinschaften und Höfe in der Umgebung bieten hier gute Möglichkeiten.
Wenn das Budget es erlaubt, lohnt sich der Kauf von Bio-Erzeugnissen – besonders für Kinder und Schwangere. Sinnvoll ist es außerdem, sehr frühe Erdbeeren im Jahresverlauf zu meiden, wenn der Markt fast ausschließlich von intensiv angebauten Früchten aus Folientunnelanlagen dominiert wird.
Erdbeeren zu Hause waschen und vorbereiten
Erdbeeren werden mitsamt der feinen Schale gegessen, die sich nicht abschälen lässt. Die Art des Waschens ist daher von großer Bedeutung. Studien belegen, dass gründliches Spülen unter fließendem Wasser die Menge der auf der Oberfläche haftenden Rückstände spürbar verringern kann.
Ein praktisches Vorgehen sieht folgendermaßen aus: Die Erdbeeren in ein Sieb legen, mehrere Jahrzehnte Sekunden lang unter kaltem Leitungswasser abspülen und dabei sanft mit der Hand oder einer weichen Küchenbürste abreiben. Die Stiele erst nach dem Waschen entfernen, damit kein Wasser tief ins Innere der Frucht eindringt.
Hausbäder in Wasser mit Essig, Natron oder Kochsalz haben keine eindeutig bestätigte Wirksamkeit bei der Entfernung von Pestiziden. Sie können sogar nachteilig sein: Sie hinterlassen eigene Rückstände auf der Frucht, verändern den Geschmack oder beschädigen die empfindliche Struktur der Erdbeere.
Muss man Erdbeeren aus dem Supermarkt fürchten?
Angesichts solcher Berichte fragen sich viele, ob es sich überhaupt noch lohnt, Erdbeeren in großen Handelsketten zu kaufen. Das europäische Lebensmittelkontrollsystem sieht Höchstgrenzen für Pflanzenschutzmittelrückstände vor, die Erzeuger einhalten müssen. Das Problem liegt jedoch darin, dass diese Grenzwerte für einzelne Substanzen gelten – nicht für die Summe mehrerer Wirkstoffe, die gemeinsam auftreten können.
Eine einfache Risikobewertung gibt es nicht. Die in Studien festgestellten Mengen liegen in der Regel unterhalb der als gefährlich geltenden Schwellenwerte. Unklar bleibt jedoch, wie der Körper auf eine langfristige, tägliche Belastung durch ein Gemisch verschiedener Substanzen reagiert – insbesondere bei kleinen Kindern.
Aus diesem Grund empfehlen viele Ernährungs- und Gesundheitsexperten das Prinzip der „Reduzierung der Belastung, wo immer möglich“. Dabei geht es um eine realistische Verringerung der Chemikalien in der Ernährung – ohne in Extreme zu verfallen oder jedes Stück Obst zu fürchten.
In der Praxis könnte ein vernünftiger Ansatz so aussehen: Bei Lebensmitteln, die regelmäßig auf den Listen der am stärksten mit Pflanzenschutzmitteln belasteten Produkte auftauchen, lohnt es sich, einen höheren Anspruch anzulegen. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Erdbeeren, Weintrauben und Salate.
Für genau diese Lebensmittel empfehlen sich folgende Grundsätze:
- Weniger kaufen, dafür aus einer besseren Quelle
- In der Saison auf regionale Sorten achten
- Wenn möglich Bio-Obst wählen oder von Erzeugern, die auf Chemie weitgehend verzichten
- Etiketten und Herkunftsland beachten, besonders wenn Erdbeeren sehr früh auftauchen
- Die Vorsicht dem persönlichen Konsumverhalten anpassen
Wer Erdbeeren nur gelegentlich und ein paarmal im Jahr isst, trägt ein deutlich geringeres gesundheitliches Risiko als jemand, der den ganzen Frühling und Sommer täglich zugreift. Kinder, Schwangere und Menschen mit chronischen Erkrankungen profitieren am meisten davon, Obst mit geringerem Schadstoffgehalt zu wählen.
Es lohnt sich außerdem, nicht zu vergessen, dass das bloße Vorhandensein von Pflanzenschutzmittelrückständen den Nährwert von Erdbeeren nicht vollständig zunichte macht. Sie bleiben eine wertvolle Quelle für Vitamin C, Ballaststoffe und Antioxidantien. Die Kunst liegt darin, den Genuss von Obst beizubehalten und gleichzeitig bewusst die problematischsten Quellen zu meiden – in diesem Fall vor allem frühe, intensiv produzierte Erdbeeren aus Südeuropa.












