Warum Karten seit 400 Jahren über Grönland lügen und wie sehr wir uns irren

Ein kartografischer Trick, der bis heute in unseren Smartphones steckt

Auf dem Display unserer Smartphones wirkt Grönland fast wie ein eigener Kontinent. Was dabei kaum jemand weiß: Dahinter steckt ein jahrhundertealter kartografischer Kniff, der ursprünglich Seefahrern das Leben erleichtern sollte – und der bis heute Google Maps sowie Schulatlanten dominiert.

Wer die Größe von Ländern ausschließlich nach der Wandkarte aus der Grundschule bewertet, erlebt oft einen echten Schock. Grönland wirkt dort wie ein riesiger Eisbrocken, der beinahe die Ausmaße Afrikas erreicht. Doch die nackten Zahlen erzählen eine völlig andere Geschichte.

Grönland gegen Afrika: Ein Unterschied, den die Karte verschweigt

Die größte Insel der Welt außerhalb der Kontinente ist in Wirklichkeit etwa vierzehnal kleiner als Afrika. Auf der klassischen Schulkarte ist davon nichts zu sehen. Grönland wirkt aufgebläht wie unter Steroiden, während Afrika erstaunlich bescheiden daherkommt.

Diese Täuschung lässt sich leicht entlarven – zum Beispiel mit interaktiven Werkzeugen, die es erlauben, Ländergrenzen auf einem Globus zu verschieben. Zieht man Grönland in die Nähe des Äquators, schrumpft es schlagartig auf deutlich bescheidenere Maße zusammen. Die Insel selbst verändert sich nicht – nur die Art, wie wir sie darstellen.

Die Ursache dieses Problems ist schlicht und brutal mathematisch: Die Erde ist rund, aber wir bestehen darauf, sie auf einer flachen Fläche oder einem Bildschirm abzubilden. Ohne Verzerrung ist das physikalisch schlicht unmöglich.

Warum eine Karte aus der Ära der Segelschiffe in unsere Smartphones gelangte

Der flämische Kartograf Gerardus Mercator stand im 16. Jahrhundert vor einem handfesten Problem der Seefahrer: Wie zeichnet man eine Karte, auf der sich Kurse bequem einzeichnen lassen, Winkel berechnet werden können und das Schiff in etwa gerader Linie geführt werden kann? Ein Globus bildet die Erde hervorragend ab, taugt aber kaum als Navigationshilfsmittel auf dem Kartentisch.

Mercators Lösung war aus mathematischer Sicht brillant, aus Sicht der Flächenverhältnisse hingegen gnadenlos. Er streckte das Meridianetz so, dass die Längslinien statt zum Pol hin zusammenzulaufen parallel blieben. Damit die Kontinente nicht flachgedrückt wirkten, musste er sie zusätzlich vertikal dehnen.

Die Mercator-Projektion bewahrt Winkel und Küstenformen, verzerrt aber die tatsächlichen Flächenverhältnisse erheblich – und zwar umso stärker, je näher man den Polen kommt. Regionen am Äquator entsprechen noch annähernd der Realität. Je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto mehr belügt einen die Karte. In Polnähe wächst der Verzerrungskoeffizient nahezu ins Unendliche. Grönland, weit im Norden gelegen, wird so zum visuellen Koloss. Afrika, das sich rund um den Äquator erstreckt, bleibt dagegen nah an seinen tatsächlichen Ausmaßen.

Eine naheliegende Frage drängt sich auf: Warum schauen wir im Zeitalter von Satelliten und künstlicher Intelligenz noch immer mit den Augen eines Kartografen aus der Segelschiffära auf die Welt? Die Antwort ist weit weniger romantisch, als man sich wünscht – es geht schlicht um Gewohnheit und Bequemlichkeit.

Im 19. Jahrhundert wurde die Mercator-Projektion zum Standard, besonders in Europa und Nordamerika. Sie bewahrt Länderformen, Küstenlinien und Richtungen gut. Die Menschen gewöhnten sich schlicht an diesen Blick auf die Welt. Wer zum ersten Mal eine alternative Darstellung sieht, hat oft das Gefühl, jemand habe die Geografie „kaputt gemacht“.

Alternativen existieren – doch wir nehmen sie kaum an

Kartografen haben Dutzende anderer Darstellungsmethoden entwickelt. Die Gall-Peters-Projektion gibt Flächen originalgetreu wieder, sodass Afrika riesig wirkt und Europa deutlich kleiner – doch die Formen erscheinen seltsam gestreckt und unnatürlich. Die Robinson-Projektion nutzte früher das National Geographic als Kompromiss zwischen Form und Fläche. Die Equal-Earth-Projektion ist ein neuerer Ansatz, der die Proportionen der Kontinente besser widerspiegeln und die Dominanz nördlicher Regionen verringern soll.

Jede dieser Methoden verbessert etwas, führt dabei aber neue Verzerrungen ein – andere als bei Mercator. Eine Kugel lässt sich mathematisch schlicht nicht verlustfrei auf ein Rechteck „abrollen“. Das hat Carl Friedrich Gauss in seinem berühmten Theorema egregium längst bewiesen: Eine verzerrungsfreie Abbildung einer gekrümmten Fläche auf eine Ebene ist grundsätzlich unmöglich.

Die heutige Kartografie ist zu einem guten Teil aus militärischen und navigatorischen Bedürfnissen erwachsen. Eine Karte war schon immer ein Machtinstrument: Sie zeigt, was im „Zentrum“ steht und was am „Rand“, welche Regionen groß und bedeutsam wirken und welche irgendwo oben oder unten verschwinden.

Jede Karte bevorzugt einen bestimmten Blickwinkel – entweder Winkelgenauigkeit, oder Flächentreue, oder Entfernungstreue. Nichts davon ist „bloß ein Bild“. Geografen betonen, dass die Wahl der Projektion vom jeweiligen Verwendungszweck abhängen sollte. Für Entfernungsmessungen eignet sich eine andere Karte als für demografische Analysen oder die Visualisierung des Klimawandels. In der Praxis aber greifen wir meistens auf eine einzige Darstellung zurück, die einst Seefahrern das Leben erleichtern sollte.

Eurozentrische Karten und ihre unterschätzten Folgen

Genau hier liegt der Ausgangspunkt der Diskussion über den eurozentrischen Charakter klassischer Karten im Mercator-Stil. Die Regionen des reichen Nordens – Europa, Nordamerika, Russland – erscheinen riesig. Afrika, Südamerika oder Südasien lassen sich mental leicht „verkleinern“, weil sie auf der Karte weniger imposant wirken als in der Realität.

Wissenschaftler und Aktivisten fordern bisweilen, Projektionen, die Europa und Polregionen künstlich vergrößern, schrittweise aufzugeben. Andere verteidigen Mercator und erinnern daran, dass ohne seine Projektion das Zeitalter der großen Entdeckungsreisen wesentlich schwieriger gewesen wäre und viele Verbindungen zwischen den Kontinenten schlicht nicht entstanden wären.

Muss Mercators Karte in den Papierkorb?

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Die Mercator-Projektion bewährt sich hervorragend bei der Navigation, in Kartendiensten und bei der Routenplanung. Sie ist intuitiv und vertraut für Menschen, die von Kindheit an auf diese Anordnung der Formen geschaut haben. Geht es aber darum, ehrlich zu zeigen, wer auf der Erde wie viel Platz einnimmt, schneiden andere Lösungen deutlich besser ab.

Es gibt keine einzige „wahre“ Karte – es gibt nur die Fähigkeit, verschiedene Darstellungen bewusst zu nutzen und zu verstehen, was jede einzelne mit unserer Wahrnehmung macht. Das hat sehr praktische Konsequenzen. Das Bild, das wir täglich auf unserem Bildschirm sehen, beeinflusst unsere Vorstellung von der Bedeutung einzelner Regionen. Wirkt Afrika auf der Karte „ähnlich groß“ wie Europa und Grönland zusammen, schieben wir es im Bewusstsein leicht auf ein Nebengleis.

Es lohnt sich, gelegentlich einen Blick auf andere Projektionen zu werfen. Schon wenige Minuten mit einer interaktiven Karte, die das Verschieben von Staatsgrenzen auf dem Globus erlaubt, können das eigene mentale Bild der Erde grundlegend korrigieren. Japan, „verschoben“ über Europa, wirkt plötzlich gar nicht mehr so riesig – und Alaska über der Sahara verliert einen Teil seiner scheinbaren Mächtigkeit.

Was das für den alltäglichen Kartennutzer bedeutet

Eine aufschlussreiche Übung ist der Größenvergleich von Ländern, über die wir häufig im politischen oder wirtschaftlichen Kontext hören. Brasilien und die Demokratische Republik Kongo wachsen einem plötzlich in den Augen, wenn man ihre tatsächlichen Proportionen im Verhältnis zu Europa sieht. Grönland hingegen findet seinen rechten Platz zurück: als große, aber keineswegs gigantische, eisbedeckte Insel.

Das Verständnis kartografischer Projektionen verändert das Kartenlesen ähnlich, wie Kenntnisse der Perspektive die Wahrnehmung eines Gemäldes verändern. Wir schauen noch immer auf dieselbe Oberfläche, hören aber auf, ihr unkritisch zu glauben. Wir erkennen, dass hinter jedem farbigen Rechteck eine Reihe von Entscheidungen steckt: Was wird vergrößert, was verkleinert, was gilt als Zentrum und was bleibt am Rand?

Für den Geografieunterricht ist das eine enorme Chance. Statt eines weiteren trockenen Schemas mit „Kontinenten und Ozeanen“ kann man Schülerinnen und Schülern mehrere verschiedene Kartenversionen zeigen und sie selbstständig beobachten lassen, wie sich die Lage Grönlands, Afrikas oder Südamerikas verändert. Eine einzige Übung kann Gewohnheiten auf den Kopf stellen, die über eine ganze Kindheit aufgebaut wurden.

Wer kartografische Kniffe kennt, versteht internationale Politik, Wirtschaftsanalysen und Klimadaten besser. Wer eine Statistik über Afrika sieht, wird nicht mehr unbewusst annehmen, der Kontinent sei „nur etwas größer als Europa“. Er begreift die wahre Dimension.

Wir alle verdienen Karten, die uns nicht täuschen, sondern helfen, die Welt so zu verstehen, wie sie wirklich ist. Dafür genügt es zu wissen, worauf man schaut – und warum es genau so aussieht.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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