Ein überraschender Ansatz gegen Heuschnupfen und Asthma
Immer mehr Menschen leiden unter Heuschnupfen und asthmatischen Anfällen. Wissenschaftler schlagen nun eine erstaunliche Lösung vor: den Einsatz von Mikroben, um überreagierendes Lungengewebe gezielt zu beruhigen.
Forscher des Pasteur-Instituts und von Inserm haben einen Mechanismus beschrieben, bei dem der Kontakt der Lungen mit harmlosen Fragmenten von Viren und Bakterien allergische Reaktionen bei Labortieren erheblich abschwächte – und das über viele Wochen, teilweise sogar Monate hinweg. Das ebnet den Weg für eine völlig neue Therapieklasse, die weniger an klassische Antiallergika erinnert als vielmehr an ein gezieltes Training des Immunsystems.
Warum das Immunsystem auf Pollen so übertrieben reagiert
Asthma und Atemwegsallergien sind im Grunde genommen ein Beurteilungsfehler des Immunsystems. Statt Pollenkörner, Hausstaub oder Tierhaare ruhig zu ignorieren, stuft der Körper sie als ernsthafte Bedrohung ein. Die Folge: Entzündungen, geschwollene Schleimhäute, Pfeifen beim Atmen, anhaltender Husten. Wie eine der Forscherinnen es formuliert – der Körper irrt sich gewissermaßen, weil er auf etwas, das an sich ungefährlich ist, viel zu heftig reagiert.
In Europa kämpft bereits rund ein Viertel der Bevölkerung mit allergischen Erkrankungen, und die Pollensaison beginnt von Jahr zu Jahr früher und dauert länger. Deshalb suchen Wissenschaftler mit wachsender Dringlichkeit nach Methoden, die nicht nur Symptome lindern, sondern die Art und Weise verändern, wie die Lungen auf Allergene reagieren.
Mikrobieller Trainingsreiz für die Lunge
Das Team des Pasteur-Instituts untersuchte, wie sich der Organismus von Mäusen verhält, wenn deren Lungen mit einem mikrobiellen Gemisch in Berührung kommen – also mit Fragmenten von Viren oder Bakterien, die zwar keine Infektion auslösen können, das Immunsystem aber dennoch aktivieren. Es handelt sich dabei nicht um lebende Keime, sondern eher um eine Art Trainingsgerät für das Abwehrsystem.
Die Wissenschaftler beobachteten, dass die Exposition der Lungen gegenüber solchen mikrobiellen Fragmenten eine sogenannte Typ-1-Antwort auslöst – genau jene Reaktion, die der Körper normalerweise bei der Bekämpfung einer Virus- oder Bakterieninfektion einsetzt. Und eben diese Reaktion schützte die Tiere überraschenderweise vor starken Allergien.
Wenn Mäuse gleichzeitig Allergene und das mikrobielle Gemisch einatmeten, entwickelten sie kein klassisches Allergiebild. Ihre Lungen blieben mindestens sechs Wochen lang geschützt. Ohne diesen Schutz schien der erste Allergenkontakt die Atemwege auf Überempfindlichkeit zu programmieren – jede weitere Exposition führte zu immer heftigeren Reaktionen.
Schutz sogar ohne direkten Allergenkontakt
Noch faszinierender waren die Ergebnisse in einem Szenario, bei dem die Forscher die Lungen ausschließlich mikrobiellen Fragmenten aussetzten – ganz ohne Allergen. Dieses Vortraining schützte die Mäuse über mehr als drei Monate vor späteren Versuchen, eine Allergie auszulösen.
Die Wissenschaftler vergleichen das mit einer ruhigen Grundeinstellung des Atemorgans: Die Lunge lernt, dass Reize von außen vielfältig sind, aber nicht jeder davon Alarm erfordert. Dieser Ansatz erinnert an die bekannte Hygiene-Hypothese – je weniger Kontakt mit Mikroorganismen in der Kindheit, desto höher das Allergierisiko. Erstmals zeigt sich hier jedoch ein konkreter, fassbarer Mechanismus auf Gewebeebene.
Fibroblasten als Schlüsselzellen des Langzeitgedächtnisses
Die meisten bisherigen Therapien konzentrierten sich auf klassische Bestandteile des Immunsystems wie Lymphozyten oder Mastzellen. In dieser Studie spielten jedoch Fibroblasten die entscheidende Rolle – jene Zellen, die das Gerüst der Lunge bilden und für deren Struktur sowie Heilung zuständig sind.
Beim Kontakt mit den mikrobiellen Fragmenten wurde in den Fibroblasten ein Gen namens Ccl11 blockiert. Dieses Gen ist für die Produktion eines Moleküls verantwortlich, das Zellen in die Lunge lockt, welche allergische Reaktionen verstärken. Wird es zum Schweigen gebracht, kann die gesamte Kaskade, die zu einem Allergienanfall führt, gar nicht erst anlaufen. Die Forscher beschreiben diese Veränderung als epigenetische Modifikation – das Gen selbst wird nicht zerstört, aber seine Funktionsweise dauerhaft verändert.
Im Gegensatz zu Immunzellen, die bei einer Infektion in die Lunge wandern und sie später wieder verlassen, bleiben Fibroblasten jahrelang an Ort und Stelle. Die Lunge als Gewebe besitzt ein Langzeitgedächtnis, weil diese Strukturzellen dauerhaft verweilen. Dieser Schalter im Erbgut kann sich über Monate halten – ein wissenschaftlich starkes Argument dafür, Allergie nicht nur als Fehler zirkulierender Immunzellen zu betrachten, sondern als ein Phänomen, das direkt im Lungengewebe verankert ist.
Ein mikrobiologischer Impfstoff gegen Allergien
Statt einen bereits ausgebrochenen allergischen Anfall zu bekämpfen, könnte man das Gewebe im Voraus so vorbereiten, dass es auf Pollen oder Staub nicht mehr überreagiert. Denkbar wäre ein Präparat, das einem Inhalationsimpfstoff ähnelt und aus sicheren Fragmenten verschiedener Mikroorganismentypen zusammengesetzt ist.
Ein solches Medikament, das vor der Pollensaison verabreicht wird, könnte die Reaktionsweise der Lunge für lange Wochen verändern. Der Weg dorthin ist jedoch noch weit, denn die bisherigen Ergebnisse stammen ausschließlich aus Tierversuchen an Mäusen. Der nächste Schritt wäre die Überprüfung von Sicherheit und Wirksamkeit beim Menschen.
Es müsste geklärt werden, welche Zusammensetzung des mikrobiellen Cocktails am besten wirkt, in welcher Dosierung, wie oft die Exposition wiederholt werden sollte und welche Patientengruppen den größten Nutzen daraus ziehen. Sobald sich ein solcher Mechanismus beim Menschen bestätigen lässt, würde sich das Denken über Atemwegsallergien grundlegend verändern.
Wer am meisten von der neuen Therapie profitieren könnte
Anstatt passiv auf die nächste Saison und eine weitere Reihe vorübergehender Medikamente zu warten, wäre eine aktive Vorbereitung der Lungen mit großem Vorlauf möglich. Den größten Nutzen könnten Menschen mit schwerem, wiederkehrendem Asthma ziehen, bei denen Standardbehandlungen nur teilweise helfen.
Konkret könnte die neue Strategie folgenden Gruppen zugutekommen:
- Kinder aus Familien mit einer Vorbelastung durch Allergien
- Personen mit schwerem Asthma, das auf klassische Behandlungen nicht gut anspricht
- Menschen, die am Arbeitsplatz Staub und chemischen Substanzen ausgesetzt sind
- Stadtbewohner mit hoher Luftverschmutzung, die Allergiesymptome oft verstärkt
- Patienten mit häufigen Anfällen, die Krankenhausaufenthalte erfordern
- Allergiker mit einer verlängerten Pollensaison
In der Praxis könnte der neue Ansatz auch die gesellschaftlichen Kosten von Allergien senken: weniger Asthmaanfälle, weniger Krankenhausbesuche, weniger Fehltage in der Schule oder am Arbeitsplatz. Das ist besonders wichtig in Ländern, in denen der Anteil der Allergiker stetig wächst und das Gesundheitssystem zunehmend belastet.
Was das für den Alltag bedeutet
Die Forschungsergebnisse des Pasteur-Instituts bedeuten nicht, dass man aktiv Infektionen suchen oder Hygiene vernachlässigen sollte. Sie weisen vielmehr darauf hin, dass vollkommen sterile Lebensbedingungen dem Immunsystem ebenfalls nicht gut tun – besonders in der frühen Kindheit. Vernünftiger Kontakt mit der natürlichen Umgebung, abwechslungsreiche ballaststoffreiche Ernährung und die Pflege der Darmmikrobiota beeinflussen allesamt, wie der Körper Reize aus seiner Umwelt bewertet.
Sobald erste Therapien auf Basis mikrobieller Fragmente erprobt werden, wird ein faktenbasierter Ansatz entscheidend sein: sorgfältige klinische Tests, transparente Sicherheitsstudien und klare Kriterien dafür, wer ein solches Präparat wann erhalten kann. Die Perspektive, Lungen neu zu programmieren, klingt verlockend – aber jeder Eingriff in die Immunantwort erfordert große Vorsicht.
Für Menschen, die mit Allergien leben, ist die wertvollste Botschaft diese: Die Wissenschaft rückt langsam ab vom reinen Lindern von Symptomen und sucht nach Wegen, die eigentliche Ursache des Problems zu verändern. Wenn sich diese Forschungsrichtung weiterentwickelt, könnte die nächste Generation den Frühling vielleicht mehr als Zeit für Spaziergänge erleben – und weniger als Saison der Taschentücher und Inhalatoren.












