Neue Zeckendaten: Jede sechste kann Borreliose übertragen

Ein unterschätztes Risiko kehrt mit dem Frühling zurück

Sobald die ersten warmen Tage locken, zieht es uns wieder in Wälder und Parks. Doch mit der schönen Jahreszeit kehrt auch eine wichtige Frage zurück: Wie gefährlich sind Zecken wirklich – und wie häufig übertragen sie Krankheiten auf den Menschen?

Aktuelle Studien aus Westeuropa liefern darauf eine beunruhigende Antwort. Wissenschaftler haben Tausende von Zecken untersucht, die direkt vom Menschen abgenommen wurden, und eine detaillierte Risikokarte erstellt. Das Ergebnis: Im Durchschnitt war jede sechste untersuchte Zecke Trägerin des Borreliose-Erregers.

Über 26.000 Bürger lieferten die Datenbasis

Das Forschungsprogramm, auf dem diese Zahlen basieren, lief mehrere Jahre lang und nutzte das Prinzip der sogenannten Bürgerwissenschaft. Mehr als 26.000 Menschen beteiligten sich daran, indem sie Zecken, die sie aus ihrer eigenen Haut entfernt hatten, an Wissenschaftler einsandten.

So kamen über zweitausend Exemplare zusammen – eine Sammlung, die hervorragend widerspiegelt, womit Menschen beim Wandern, bei der Gartenarbeit oder bei Ausflügen in die Berge tatsächlich konfrontiert werden. Dieser Ansatz liefert ein realistischeres Bild als klassische Methoden, bei denen Zecken zufällig aus der Vegetation gesammelt werden.

15,4 Prozent: Was diese Zahl wirklich bedeutet

Die Laboranalyse ergab, dass 15,4 Prozent der untersuchten Zecken mit Bakterien der Gruppe Borrelia burgdorferi infiziert waren – dem Erreger der Lyme-Borreliose. Statistisch gesehen hätte also etwa jedes sechste Tier die Krankheit auf einen Menschen übertragen können.

Besonders wichtig: Die Proben stammten von Zecken, die einen Menschen bereits gebissen hatten – nicht von zufällig gesammelten Tieren aus der Natur. Das macht die Daten für die Einschätzung des realen Infektionsrisikos deutlich aussagekräftiger.

Regionale Unterschiede und eine europaweite Karte

Die Studie achtete auf eine gleichmäßige Verteilung der Proben: Aus jeder analysierten Region stammten zwischen hundert und dreihundert Zecken. So entstand eine geografische Karte, die deutliche regionale Unterschiede zeigt.

Die höchsten Borreliose-Raten wurden in Gebieten nahe der zentralen und östlichen Landesteile festgestellt. Infizierte Exemplare tauchten jedoch praktisch überall auf. Forscher von Universitäten und Gesundheitsinstituten betonen, dass diese Art der Datenerhebung ein genaueres Bild liefert als herkömmliche Feldmethoden.

Eine derart groß angelegte Untersuchung hatte es in Europa bislang nicht gegeben. Dank der Bürgerbeteiligung konnte ein weitaus größeres Gebiet abgedeckt werden als bei klassischer Feldforschung. Die über mehrere Jahre gesammelten Daten erlauben zudem, Veränderungen im Zeitverlauf zu verfolgen und einzelne Saisons miteinander zu vergleichen.

So verläuft eine Borreliose – und wann wird es gefährlich

Borreliose ist eine bakterielle Erkrankung, die durch den Stich einer infizierten Zecke übertragen wird. Der Moment des Einstechens ist meist schmerzlos. Viele Betroffene bemerken die Zecke erst, wenn sie einen dunklen Punkt auf der Haut oder das typische Erythem entdecken.

Zu den häufigen Frühsymptomen zählen:

  • Eine runde oder ovale Hautrötung, die sich allmählich ausbreitet
  • Ein grippeähnliches Krankheitsgefühl
  • Fieber oder leicht erhöhte Temperatur
  • Muskel- und Kopfschmerzen, manchmal Nackenstarre
  • Ausgeprägte Erschöpfung, die nicht zur körperlichen Belastung passt
  • Schüttelfrost und allgemeine Schwäche
  • In manchen Fällen Gelenkschmerzen bereits in der Frühphase

In diesem Stadium beschränkt sich die Behandlung meist auf eine Antibiotikakur und hinterlässt keine dauerhaften Schäden. Problematisch wird es, wenn die Erkrankung Wochen oder Monate unerkannt bleibt. Dann kann das Bakterium Gelenke, das Nervensystem, das Herz oder die Haut befallen.

Eine vernachlässigte Borreliose kann jahrelange chronische Beschwerden verursachen: wiederkehrende Gelenkschmerzen, Gesichtsnervenlähmungen, Herzrhythmusstörungen oder chronische Müdigkeit. Ärzte weisen darauf hin, dass viele Patienten den Zeckenstich selbst gar nicht mehr erinnern. Da Grippeähnliche Symptome leicht als Stress oder Erkältung abgetan werden, wächst die Bedeutung von Prävention und Aufklärung.

Nicht nur Borreliose: Mehrere Erreger in einer einzigen Zecke

Die Probenanalyse zeigte, dass Zecken weit mehr als nur Borreliose übertragen können. In ihren Körpern wurden zahlreiche verschiedene Mikroorganismen nachgewiesen, von denen jeder unterschiedliche Gesundheitsprobleme verursachen kann. Ein Teil der Tiere trug sogar mehrere Erreger gleichzeitig in sich.

Rund 4,5 Prozent der untersuchten Exemplare waren mit mindestens zwei verschiedenen Krankheitserregern infiziert. Für den Menschen bedeutet das ein erhöhtes Risiko für einen komplizierten Krankheitsverlauf, untypische Symptome und eine erschwerte Diagnose.

Die häufigste Art war Ixodes ricinus, die in Europa dominierende Zeckenspezies. Sie machte bis zu 94 Prozent aller eingesandten Tiere aus – also genau jene Art, der wir in Wäldern, auf Wiesen und in Stadtparks am häufigsten begegnen. Unter den weiteren nachgewiesenen Erregern fanden sich Bakterien, die Anaplasmose und Rickettsiose auslösen, sowie Viren der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). Einige Zecken waren gleichzeitig mit Borrelia und anderen Mikroorganismen infiziert, was sowohl den Krankheitsverlauf als auch die Behandlung erschwert.

Bürgerwissenschaft: Wenn normale Menschen Labore unterstützen

Den Kern des Projekts bildeten Einsendungen von Tausenden von Einwohnern. Jeder, den eine Zecke gebissen hatte, konnte den Parasiten kostenlos zur Analyse einschicken – zusammen mit grundlegenden Angaben: Ort des Bisses, Datum, Art des Geländes. So entstand ein riesiger Datenschatz, der mit klassischen Feldmethoden niemals hätte erhoben werden können.

Dieser Ansatz bietet mehrere Vorteile: Er deckt ein sehr großes Gebiet ohne astronomische Kosten ab, sammelt Proben genau dort, wo Menschen sich tatsächlich aufhalten, ermöglicht eine kontinuierliche Beobachtung von Veränderungen über die Zeit und schärft gleichzeitig das Bewusstsein der Teilnehmenden für das Thema Zecken.

Auf Basis dieses umfangreichen Materials haben Experten nicht nur Gefahrenkarten erstellt. Sie haben auch mit der Entwicklung mathematischer Modelle begonnen, die erklären sollen, welche Faktoren – Klima, Waldtyp, Wilddichte, Landnutzung – am stärksten das Vorkommen infizierter Zecken beeinflussen. Die Ergebnisse dieser Analysen sollen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht werden und könnten die gesundheitliche Prävention verbessern.

So lässt sich das Risiko nach einem Zeckenstich reduzieren

Das wachsende Bewusstsein für das Ausmaß des Problems bedeutet nicht, dass wir auf Spaziergänge verzichten müssen. Es geht vielmehr um sinnvolle Gewohnheiten, die das Infektionsrisiko deutlich senken. Entscheidend sind zwei Dinge: guter Schutz vor dem Ausflug und eine schnelle Reaktion nach der Rückkehr.

Experten für zeckenübertragene Erkrankungen empfehlen einige einfache Regeln:

  • Lange Hosen, in die Socken gesteckt, geschlossene Schuhe und helle Kleidung, auf der Zecken leichter zu erkennen sind
  • Repellentien auf Haut und Kleidung auftragen, deren Wirksamkeit gegen Zecken nachgewiesen ist
  • Dichtes Unterholz und hohes Gras möglichst meiden
  • Lange Haare zusammenbinden, damit Parasiten keinen leichten Zugang finden

Nach jedem Aufenthalt im Wald oder auf der Wiese lohnt es sich, einige Minuten für eine gründliche Körperkontrolle einzuplanen. Zecken bevorzugen dünne, warme Haut: Achseln, Leisten, Kniekehlen, Bauchnabelbereich, hinter den Ohren und am Haaransatz. Bei Kindern sollte unbedingt auch die Kopfhaut kontrolliert werden.

Wenn eine eingesaugte Zecke entdeckt wird, sollte sie so schnell wie möglich entfernt werden – am besten mit einer feinen Pinzette oder einem speziellen Zeckenwerkzeug. So nah wie möglich an der Haut ansetzen und die Zecke mit einer entschlossenen, geraden Aufwärtsbewegung herausziehen. Niemals Fett, Alkohol oder andere Mittel auftragen, da diese den Parasiten dazu veranlassen können, den Darminhalt in die Wunde zu erbrechen.

In den folgenden Wochen sollten Haut und Allgemeinbefinden aufmerksam beobachtet werden. Ein sich ausbreitendes Erythem, ungewöhnliches Fieber, Gelenkschmerzen oder extreme Müdigkeit sind Signale, umgehend einen Arzt aufzusuchen – mit dem Hinweis auf den vorangegangenen Zeckenstich. Je früher eine Borreliose diagnostiziert wird, desto wirksamer ist die Behandlung und desto geringer das Komplikationsrisiko.

Warum immer mehr Zecken infiziert sind – und was das bedeutet

Wissenschaftler betonen, dass die Zeckendichte und die Infektionshäufigkeit von einem ganzen Ökosystem abhängen – nicht allein vom Wetter der jeweiligen Saison. Mildere Winter sorgen dafür, dass mehr Tiere den Frühling erleben. Veränderungen in der Landnutzung – etwa wachsende Vorstädte in der Nähe von Wäldern – erhöhen den Kontakt zwischen Menschen und Wildtieren, die natürliche Wirte für Zecken sind.

Hinzu kommen veränderte Freizeitgewohnheiten: Mehr Menschen laufen im Gelände, betreiben Nordic Walking, Bushcraft oder fahren auf Waldwegen Fahrrad. Jede dieser Aktivitäten bedeutet mehr Stunden in Lebensräumen, in denen Zecken heimisch sind.

Es lohnt sich auch zu bedenken, dass Statistiken aus einem Land häufig die Trends in ganz Mitteleuropa widerspiegeln. Ähnliche Klimabedingungen und vergleichbare Waldtypen lassen darauf schließen, dass die Schlussfolgerungen der beschriebenen Analyse wertvolle Hinweise für Gesundheitsbehörden, Kommunen und alle Naturbegeisterten liefern können. Gut informiert und vorbereitet zu sein, zahlt sich in jedem Fall aus.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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