Sie sind über 80 und haben ein Gedächtnis wie Vierzigjährige. Forscher enthüllten ihr Geheimnis

Ein kleiner Kreis hochbetagter Menschen trotzt dem Vergessen

Eine Handvoll sehr alter Menschen bewahrt eine Gedächtnisleistung, die jener von Personen entspricht, die ein ganzes Jahrzehnt oder mehr jünger sind. Ihre Gehirne funktionieren schlicht anders – im Hippocampus bilden sich bei ihnen außergewöhnlich viele neue Nervenzellen.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass in den Gehirnen dieser bemerkenswerten Senioren weiterhin eine ungewöhnlich hohe Zahl neuer Neuronen entsteht. Das könnte erklären, warum ihr Gedächtnis dem Lauf der Zeit und neurodegenerativen Erkrankungen standhält.

Für die Medizin und für jeden Einzelnen ist das eine echte Hoffnung. Hirnalterung verläuft nicht bei allen gleich – bei manchen Menschen aktiviert der Körper äußerst wirksame Schutzstrategien. Die Neurogenese, also die Entstehung neuer Nervenzellen, rückt dabei als einer der zentralen Schutzmechanismen in den Fokus.

Wer sind die sogenannten Super-Ager?

Wissenschaftler bezeichnen sie als „Super-Ager“ – Menschen jenseits der 80, die in Gedächtnistests Ergebnisse erzielen, die mit denen von Fünfzigjährigen oder sogar Vierzigjährigen vergleichbar sind. Forscher der Northwestern University in den USA beobachten ihre Hirnfunktion, ihren Lebensstil und vor allem den Aufbau ihres Gehirns bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Im jüngsten Forschungsprojekt analysierte ein Team der Universität Chicago Hirngewebsproben, die nach dem Tod von Freiwilligen aus fünf verschiedenen Gruppen entnommen worden waren. Verglichen wurden junge gesunde Erwachsene, ältere Personen ohne kognitive Einschränkungen, Senioren mit leichter Demenz, Alzheimer-Patienten sowie die Gruppe der Super-Ager ab dem 80. Lebensjahr.

Besonderes Augenmerk lag auf dem Hippocampus – dem Hirnareal, das für das Abspeichern neuer Erinnerungen und die räumliche Orientierung zuständig ist. Genau hier beginnen die mit Demenz und Alzheimer verbundenen Veränderungen am frühesten. Mittels Magnetresonanztomografie lassen sich diese Veränderungen bereits in frühen Krankheitsstadien nachweisen.

Wie Forscher winzige Unterschiede im Gehirn aufspürten

Die Wissenschaftler untersuchten rund 356.000 Zellkerne aus dem Hippocampus mithilfe von Einzelzell-Sequenzierung. Diese fortschrittliche Methode ermöglicht einen Blick in die Genaktivität einzelner Zellen – fast so, als würde man deren „Bedienungsanleitung“ Zeile für Zeile lesen.

Das Ergebnis war verblüffend. Die Gehirne der kognitiv herausragenden Senioren bildeten mindestens doppelt so viele neue Neuronen wie die Gehirne typischer Gleichaltriger. Noch ausgeprägter war der Unterschied im Vergleich zu Alzheimer-Patienten – dort lag die Rate neuer Neuronen sogar um das 2,5-Fache niedriger.

Die Forscher der Universität Chicago veröffentlichten diese Befunde in einer Fachzeitschrift und betonten, dass die Erneuerungsfähigkeit des Gehirns im hohen Alter weit größer ist, als bislang angenommen. Die Erkenntnisse eröffnen neue Möglichkeiten für die Entwicklung von Therapien, die den kognitiven Abbau verlangsamen sollen.

Ein Gehirn, das sich erneuert statt zu verlangsamen

Die Entstehung neuer Nervenzellen bei Erwachsenen war lange Zeit unter Neurologen umstritten. Ein Teil der Fachwelt war überzeugt, dass das Gehirn nach der Pubertät nur noch mit dem arbeitet, was bereits vorhanden ist. Die neuesten Ergebnisse lassen jedoch kaum Raum für Zweifel – dieser Prozess läuft beim Menschen bis ins sehr hohe Alter ab und ist bei einer bestimmten Gruppe besonders ausgeprägt.

Das Forschungsteam beschreibt dies als eine Art „biologische Widerstandsfähigkeit“ gegenüber dem Altern. Der Hippocampus solcher Personen erzeugt nicht nur mehr Neuronen, sondern schafft auch ein förderliches Umfeld, das deren Überleben und Einbindung in bestehende Zellnetzwerke begünstigt.

Dr. Tamar Gefen von der Northwestern University, die seit Langem an der Super-Ager-Forschung beteiligt ist, betont die Bedeutung des Verständnisses dieser Mechanismen. Ihrer Ansicht nach könnte die Identifikation der entscheidenden Faktoren zur Prävention oder Verzögerung von Demenz in der allgemeinen Bevölkerung beitragen.

Zwei Zelltypen, die über die Gedächtnisqualität entscheiden

Der Schlüssel liegt in zwei Zelltypen, die selten Schlagzeilen machen, obwohl sie in unseren Gehirnen enorme Arbeit leisten.

Astrozyten fungieren als das Serviceteam des Gehirns. Sie versorgen Neuronen mit Nährstoffen, beseitigen Abfallstoffe und regulieren den Chemikalienhaushalt in der Umgebung der Nervenzellen. Bei den kognitiv leistungsstarken Senioren arbeiten diese Zellen nach einem völlig anderen „genetischen Programm“ als bei durchschnittlichen Altersgenossen.

Astrozyten in den Gehirnen von außergewöhnlich leistungsfähigen Menschen über achtzig agieren wie ein hochspezialisierter Wartungsdienst – sie reagieren schneller, schützen besser und reparieren effizienter. Das stellt sicher, dass neu gebildete Neuronen eine größere Überlebenschance haben, reifen können und vollwertige Bestandteile jener Netzwerke werden, die für das episodische Gedächtnis zuständig sind – also jenes, das uns ermöglicht, konkrete Erlebnisse aus dem Leben abzurufen.

Die zweite wichtige Gruppe sind die als CA1 bezeichneten Neuronen im Hippocampus. Sie sind unter anderem für das präzise Abrufen von Erinnerungen und die Verknüpfung neuer Informationen mit bereits Gespeichertem verantwortlich. Bei Super-Agern bewahren die CA1-Neuronen eine deutlich bessere synaptische Integrität.

Vereinfacht gesagt: Ihre Verbindungen sind dichter, stabiler und leiten Signale zuverlässiger weiter. Das lässt sich ungefähr mit dem Unterschied zwischen einem schnellen Glasfaseranschluss und einer verstaubten, veralteten Telefonleitung vergleichen. Die Qualität dieser Verbindungen beeinflusst direkt, wie schnell und präzise Informationen abgerufen werden können.

Was diese Erkenntnisse für künftige Patienten bedeuten

Obwohl sich die Studie hauptsächlich auf außergewöhnlich leistungsstarke Personen konzentrierte, reichen die Konsequenzen weit darüber hinaus. Hirnalterung und Demenz sind ein wachsendes gesundheitliches und gesellschaftliches Problem. Schätzungen zufolge leben bereits rund 55 Millionen Menschen mit verschiedenen Demenzformen – und bis zur Mitte dieses Jahrhunderts könnte sich diese Zahl verdreifachen.

Gelingt es, ähnliche Neurogenese-Mechanismen bei typischen Senioren anzustoßen, lässt sich eine Verlangsamung des Gedächtnisverlusts und möglicherweise sogar eine Verzögerung der Alzheimer-Erkrankung erwarten. Das Chicagoer Team plant weitere Forschungsphasen und möchte Therapien entwickeln, die auf Astrozyten und CA1-Neuronen abzielen und versuchen, die bei den außergewöhnlich leistungsfähigen Über-Achtzigjährigen beobachtete „Immun-Signatur“ nachzuahmen.

Institutionen wie die Mayo Clinic und die Johns Hopkins University investieren bereits in ähnliche Forschungsvorhaben. Ziel ist es, Medikamente oder Verfahren zu identifizieren, die die natürliche Erneuerungsfähigkeit des Gehirns unterstützen könnten. Einige Experimente nutzen Stammzellen, andere untersuchen den Einfluss spezifischer Substanzen auf das Neuronenwachstum.

Eine Pille für ein ewiges Gedächtnis? Dafür ist es noch zu früh

Wissenschaftler geben zu, dass sie nicht wissen, ob die erhöhte Neurogenese die Ursache des hervorragenden Gedächtnisses ist oder nur ein Element eines größeren Puzzles. Wahrscheinlich ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren verantwortlich:

  • günstige Gene, die in der Familie weitergegeben wurden
  • ein gehirngesundheitsfördernder Lebensstil
  • eine gute Kondition des Herz-Kreislauf-Systems
  • eine abwechslungsreiche entzündungshemmende Ernährung reich an Omega-3-Fettsäuren
  • regelmäßige körperliche Aktivität wie Schwimmen oder Spazierengehen
  • ein aktives Sozialleben und die Pflege von Freundschaften
  • intellektuelle Herausforderungen durch Lesen, Kreuzworträtsel oder das Erlernen neuer Fähigkeiten
  • ausreichend Schlaf und der bewusste Umgang mit chronischem Stress

Aus diesem Grund wird keine Therapie von heute auf morgen erscheinen. Es wird noch Jahre dauern, bis vollständig verstanden ist, welche Gene und chemischen Signalwege für eine so intensive Neuronenbildung verantwortlich sind. Forscher des Max-Planck-Instituts in Deutschland und des Karolinska-Instituts in Schweden arbeiten gemeinsam an der Kartierung der komplexen genetischen Faktoren, die die Neurogenese beeinflussen.

Können wir die Neurogenese im Gehirn selbst fördern?

Auch wenn die beschriebenen Studien hauptsächlich die Biologie betreffen, zeigen immer mehr Daten, dass der Lebensstil das Tempo der Neuronenbildung im Hippocampus erheblich beeinflusst. Es geht nicht nur um spektakuläre Laborexperimente, sondern um alltägliche Entscheidungen.

Regelmäßige aerobe Bewegung – ob Laufen, Radfahren oder zügiges Gehen – erhöht nachweislich den Spiegel des Faktors BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), der das Wachstum neuer Neuronen fördert. Eine Ernährung reich an Antioxidantien aus Blaubeeren, Nüssen oder dunkler Schokolade schützt Neuronen vor oxidativem Stress.

Das macht zwar nicht jeden zum Super-Ager, kann aber die sogenannte kognitive Reserve erhöhen. Diese beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, Schäden zu kompensieren und alltägliche Herausforderungen zu bewältigen – auch dann, wenn das Alter seinen Tribut fordert. Menschen mit einer höheren kognitiven Reserve zeigen Demenzsymptome typischerweise später, selbst wenn die Hirnveränderungen bereits voranschreiten.

Was die Studienergebnisse in der Praxis bedeuten

Für die Geriatrie ist dies ein Signal, dass Hirnalterung kein einheitlicher und vorher festgelegter Prozess ist. Bei einem Teil der Menschen aktiviert der Organismus sehr wirksame Schutzstrategien, und die Neurogenese wird zu einer ihrer tragenden Säulen. Ärzte können Patienten auf Basis wissenschaftlicher Belege konkrete Schritte zur Förderung der Gehirngesundheit empfehlen.

Für den alltäglichen Leser ist es eine Ermutigung, das Gehirn als ein Gewebe zu betrachten, das ein Leben lang trainiert und geschützt werden kann. Hohe geistige Aktivität im mittleren Lebensalter, die Pflege von Herz und Gefäßen, das Meiden chronischen Stresses – all das kann mit den bei kognitiv außergewöhnlichen Senioren beschriebenen Mechanismen zusammenwirken und einen kumulativen Effekt erzeugen.

Forscher stehen erst am Anfang des Verständnisses dessen, was in den Gehirnen von Menschen mit außergewöhnlich gutem Gedächtnis jenseits der 80 tatsächlich vorgeht. Schon jetzt ist jedoch klar: Der Schlüssel liegt nicht im Anhalten der Zeit, sondern in der beständigen Erneuerung und Umstrukturierung neuronaler Netzwerke. Das eröffnet eine völlig neue Perspektive auf das Alter – aktiver, selbstständiger und geistig fitter, als wir bislang angenommen haben. Vielleicht sind es genau diese Erkenntnisse, die künftigen Generationen von Senioren ermöglichen, ihre späten Jahre mit klarem Kopf und einem wachen Gedächtnis zu genießen.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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