Drei Eichenfässer aus dem 17. Jahrhundert zeigen, wie eine norwegische Stadt wiederaufstand

Ein unerwarteter Fund unter einer norwegischen Straße

Archäologen haben in Skien, einer Stadt im Südosten Norwegens, Eichenfässer ausgegraben, die rund vierhundert Jahre alt sind. Sie lagen weder verstreut noch umgekippt – sie wirkten, als hätte ein Handwerker sie nur für einen kurzen Moment beiseitegestellt und wäre gleich zurückgekehrt.

Die Funde kamen bei Voruntersuchungen für Bauarbeiten in der Straße Torggata ans Licht. Die erstaunlich gut erhaltenen Holzbehälter sind laut durchgeführten Analysen tatsächlich etwa vier Jahrhunderte alt und erzählen überraschend viel darüber, wie die frühneuzeitliche Stadt nach einer Reihe vernichtender Brände immer wieder neu erstand.

Skien im siebzehnten Jahrhundert: Handel, Handwerk und Feuer

Skien gehört zu den ältesten Städten Norwegens. Das siebzehnte Jahrhundert war für sie besonders turbulent – der Holzhandel und das Handwerk florierten, doch die dicht bebauten Viertel fielen immer wieder Bränden zum Opfer. Genau in diese unruhige Zeit fällt die Geschichte der drei rätselhaften Fässer.

Forscher stießen auf sie während einer durch städtische Bauinvestitionen finanzierten Untersuchung. Die Behälter standen exakt dort, wo ein unbekannter Handwerker sie vor Jahrhunderten zurückgelassen hatte. Die Ergebnisse der eingehenden Laboranalysen veröffentlichten Wissenschaftler des Norwegischen Instituts für Kulturerbeforschung (NIKU). Das Alter des Holzes, die Herstellungstechnik der Reifen sowie die chemische Zusammensetzung der Ablagerungen im Inneren der Gefäße und in ihrer unmittelbaren Umgebung weisen eindeutig auf das siebzehnte Jahrhundert hin.

Was die unter der Stadt vergrabenen Fässer enthielten

Die spannendste Frage war jedoch nicht, woraus die Fässer gefertigt waren, sondern was sie in ihrem Inneren bargen. Die Behälter waren mit fest gepresstem Kalkgranulat und Ablagerungsschichten gefüllt. Rund um die Gefäße hatte sich eine dichte Kalkmatrix erhalten – und ein hölzerner Stampfer lag daneben, als wäre er gerade erst kurz abgelegt worden.

Mikroskopische Analysen bestätigten, dass es sich um gelöschten Kalk handelt, den grundlegenden Bindemittel damaliger Baumörtel. Das gesamte Set funktionierte als mobile Bauausrüstung. In den Fässern wurde gelöschter Kalk als dicke Paste oder Suspension aufbewahrt, Sand und Wasser wurden vor Ort beigemischt, und der hölzerne Stampfer diente zum Rühren und Zerschlagen von Klumpen. Der fertige Mörtel gelangte dann direkt in die Hände der Maurer.

Kalkmörtel war damals das entscheidende Bindemittel – er verband Ziegel und Steine und bildete nach dem Aushärten auch die abschließende Wandschicht. Dank seiner natürlichen Flexibilität vertrug er Bodenbewegungen besser als heutiger Zementbeton, weshalb er für eine Stadt im vollen Wiederaufbau eine ebenso praktische wie dauerhaft bewährte Lösung darstellte.

Das erhaltene Ensemble – Fässer, Kalkablagerungen und Stampfer – belegt, dass die Bewohner Skiens den Umgang mit Baumaterialien systematisch planten und Mörtel direkt dort herstellten, wo die Bebauung entstand. Forscher sind sich einig, dass diese konkreten Behälter beim Wiederaufbau nach einem der Brände des siebzehnten Jahrhunderts zum Einsatz kamen, als die Stadt immer wieder ganze Häuserblöcke verlor und die Nachfrage nach Baustoffen enorm war.

Warum jemand mit Kalk gefüllte Fässer im Boden vergrub

Der rätselhafteste Teil der Geschichte dreht sich um eine einfache Frage: Warum wurden die Fässer mitsamt ihrem Inhalt überhaupt eingegraben? Laut Wissenschaftlern handelte es sich nicht um eine zufällige Entsorgung von Abfall, sondern um eine durchdachte Lagermethode. Die Behälter lagen tief genug, damit das Erdreich sie wie eine natürliche Isolierung schützte.

Ziel war es, das Material vor Frost und den starken Temperaturschwankungen des skandinavischen Klimas zu bewahren. Gelöschter Kalk reagiert sehr empfindlich auf äußere Einflüsse – starker Frost oder übermäßiges Austrocknen beeinträchtigen seine Qualität und chemische Reaktivität. Die unterirdische Lagerung stabilisierte die Temperatur, verhinderte das Einfrieren und half, jene Eigenschaften zu erhalten, die für die Herstellung qualitativ hochwertigen Mörtels unverzichtbar sind.

Die Fässer dienten damit als einfache unterirdische Baumateriallager – ganz ohne Keller oder Sondergebäude. Es genügte, eine ausreichend tiefe Grube auszuheben, die Behälter hineinzustellen, sie mit Kalk zu füllen und mit einer Erdschicht zuzudecken. Forscher des NIKU betonen, dass eine solche Vorgehensweise eine klar durchdachte Strategie für den Stadtwiederaufbau erkennen lässt.

Was die mobile Kalkwerkstatt über das damalige Skien verrät

Die vergrabenen Fässer enthüllen gleich mehrere bemerkenswerte Fakten über das frühneuzeitliche Skien:

  • Die Stadtbehörden planten Baumaßnahmen mit langfristiger Perspektive.
  • Handwerker beherrschten fortgeschrittene Techniken zur Materialkonservierung.
  • Kalk wurde aus umliegenden Steinbrüchen angeliefert und direkt auf der Baustelle verarbeitet.
  • Die Bebauung erfolgte blockweise mithilfe mobiler Arbeitsstätten.
  • Baumeister verstanden es, ihre Methoden an das anspruchsvolle skandinavische Klima anzupassen.
  • Die Stadt verfügte über eine ausgereifte Logistik für Bauarbeiten.
  • Fachleute wussten natürliche Gegebenheiten zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Genau solche Details ermöglichen es Archäologen, nicht nur den Verlauf damaliger Straßen zu rekonstruieren, sondern auch den Rhythmus der alltäglichen Arbeit. Es wird deutlich, dass es sich um mehr als einen spontanen Wiederaufbau nach einer Katastrophe handelte – Skien funktionierte als organisiertes Handels- und Bauzentrum der gesamten Region.

Was heutige Bauschaffende von norwegischen Ausgrabungen lernen können

Forschungen dieser Art helfen auch zu verstehen, warum manche Bauwerke aus dem siebzehnten Jahrhundert die Jahrhunderte überstanden, während andere es nicht taten. Die Zusammensetzung des Mörtels, die Art seiner Aushärtung und die Lagerbedingungen des Kalks – all das beeinflusste die Dauerhaftigkeit des Mauerwerks grundlegend. Heutige Restauratoren, die alte Häuser in Skien sanieren, können dank dieser Erkenntnisse Materialien gezielter wählen und die ursprünglichen Konstruktionen besser schonen.

Für das Bauhandwerk sind die Erkenntnisse aus den norwegischen Ausgrabungen keineswegs bloße historische Kuriosität. In ganz Europa erleben traditionelle Kalkmörtel eine Renaissance, insbesondere bei der Sanierung von Mehrfamilienhäusern und ländlichen Gebäuden. Der Grund liegt auf der Hand: Solche Bindemittel „atmen“ gemeinsam mit dem Mauerwerk, arbeiten gut mit Ziegel und Stein zusammen und meistern Feuchtigkeit besser als viele moderne Materialien.

Die Geschichte der vergrabenen Fässer aus Skien erinnert daran, dass das Material selbst nur die halbe Miete ist. Ebenso entscheidend ist, wie es gelagert, gereift und aufbereitet wird. Die alten Handwerker verstanden es, lokale Gegebenheiten – einschließlich Erdreich und niedrige Temperaturen – aktiv für ihre Arbeit nutzbar zu machen.

Was technische Funde über das Leben unserer Vorfahren verraten

Im größeren Zusammenhang zeigen solche Entdeckungen, dass Städte nicht allein aus dem Willen der Mächtigen oder vom Reißbrett der Architekten entstehen. Hinter jedem Stadtentwicklungsplan stecken die Hände von Maurern und Zimmerleuten, die Schlichtheit technischer Lösungen, die Fähigkeit, launisches Wetter zu meistern, und der Einfallsreichtum im Umgang mit Baumaterialien.

Die drei Fässer aus dem siebzehnten Jahrhundert enthalten weder Gold noch kostbaren Schmuck – und dennoch bieten sie einen Blick auf Skien als lebendigen Organismus, der nach jeder Katastrophe dank praktischem Wissen und der geduldigen Arbeit seiner Bewohner aus den Trümmern aufstand. Für heutige Planer und Ingenieure ist das eine wertvolle Lektion: Die Beständigkeit einer Stadt beginnt bei einer guten Grundversorgung, manchmal so unscheinbar wie ein tief unter der Erde vergrabenes Kalklager.

Es lohnt sich darüber nachzudenken, was von unseren heutigen Bauten unseren Nachkommen in vierhundert Jahren erzählen wird. Werden unsere Technologien ebenso durchdacht und an die örtlichen Gegebenheiten angepasst sein wie die schlichten Eichenfässer mit gelöschtem Kalk aus Skien?

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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