Unter Pariser Gerichten wurde eine zweitausend Jahre alte Befestigung entdeckt

Ein unerwarteter Fund unter dem historischen Justizpalast

Bei den Vorbereitungen für eine umfangreiche Sanierung des Justizpalastes auf der Île de la Cité stießen Archäologen auf eine mächtige römische Befestigungsanlage, mittelalterliche Pflasterungen und einen längst vergessenen Friedhof. Es handelt sich um einen der überraschendsten archäologischen Funde in der Geschichte der Pariser Stadtforschung.

Die Rettungsgrabungen auf dem Haupthof des bedeutendsten Justizgebäudes Frankreichs fanden zwischen August und November 2025 statt. Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen — die freigelegten Schichten reichen bis in die frühesten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurück.

Warum eine drei Meter dicke Mauer die Karten des antiken Paris neu schreibt

Experten des städtischen Archäologiebüros und des nationalen Instituts für archäologische Forschung untersuchten eine Fläche von rund hundert Quadratmetern. Das Ergebnis: fast zwei Jahrtausende ununterbrochener Besiedlung auf einem einzigen Grundstück.

Zwischen dem heutigen Pflaster und dem gewachsenen Untergrund dokumentierten die Fachleute Spuren, die von frührömischen Gruben bis hin zu Brandrückständen aus dem 18. Jahrhundert reichen. Jede Schicht verrät eine spezifische Nutzungsphase des Ortes — vom befestigten römischen Zentrum über eine mittelalterliche Königsresidenz bis hin zum modernen Justizkomplex.

Der eindrucksvollste Fund ist das Fundament einer gewaltigen Mauer mit einer Breite von etwa drei Metern. Ausmaß und Konstruktionsweise schließen eindeutig aus, dass es sich um ein gewöhnliches Wohngebäude gehandelt haben könnte. Forscher bringen sie mit dem spätrömischen Befestigungssystem in Verbindung, das die Île de la Cité zwischen dem dritten und fünften Jahrhundert nach Christus schützte.

Bislang war der Verlauf dieser Befestigungen überwiegend aus theoretischen Rekonstruktionen und fragmentarischen Einzelfunden bekannt. Die neuen Erkenntnisse werden wohl eine Überarbeitung der Karten erfordern, die die ältesten Verteidigungslinien von Lutetia zeigen — so hieß Paris damals. Rund um die Mauer legten Archäologen Dutzende von Gruben verschiedener Zweckbestimmung frei, Spuren von Tragpfählen sowie sechs direkt in den Erdboden eingetiefte Gräber ohne Särge.

Die Datierungen deuten darauf hin, dass die ersten Eingriffe in den Untergrund bereits Ende des ersten Jahrhunderts vor Christus oder um die Zeitenwende begonnen haben könnten — genau in jener Phase, als auf dem Gebiet der heutigen französischen Metropole eine römische Siedlung entstand. Die massige Mauer belegt überzeugend, dass die Insel keine Randlage war, sondern ein strategischer Knotenpunkt zur Kontrolle des Seinestroms.

Was die ältesten Schichten über das Leben am Fluss verraten

Die ältesten Nutzungsbelege bestehen aus Aushebungen, Gruben und Gräben unterschiedlicher Größe. Ein Teil davon diente wirtschaftlichen Zwecken, ein anderer gehörte zu einer Holzbebauung, deren oberirdische Strukturen leider nicht erhalten sind.

  • Datierung: Zeitenwende und erste Jahrhunderte unserer Zeitrechnung
  • Funktion: wahrscheinlich Nebengebäude einer Wohn- oder Verteidigungsanlage
  • Material: überwiegend Lehm, Holz und Bruchstein
  • Objekttypen: Gruben, Pfostengruben, Fundamentreste
  • Kontext: Teil des weiteren römischen Befestigungssystems
  • Erhaltungszustand: fragmentarisch, aber ausreichend für eine zuverlässige Datierung
  • Kontinuität: direkte Fortführung in den darüberliegenden mittelalterlichen Schichten

Diese Funde bestätigen, dass das Areal des heutigen Justizpalastes niemals eine leere Randzone war. Der Charakter des Ortes wandelte sich mit jeder Epoche — vom Verteidigungssystem über eine Königsresidenz bis zum Verwaltungszentrum. Wissenschaftler betonen, dass jede Schicht Hunderte von Kleinfunden enthält, deren Auswertung noch viele weitere Monate in Anspruch nehmen wird.

Buntglasierte Kacheln mit Wappen und vergessene Kellergewölbe

Einige Meter oberhalb der römischen Befunde stießen Archäologen auf ausgeprägte Schutt- und Zerstörungsschichten. Sie bringen diese mit den Aufräumarbeiten nach dem verheerenden Brand von 1776 in Verbindung, der Teile des Komplexes auf der Île de la Cité verwüstete. Im Schutt fanden sich zahlreiche Fragmente von Bodenfliesen, verziert mit Pflanzenmotiven und Tierdarstellungen.

Es handelt sich um sogenannte historisierte Fliesen — keramische Elemente mit Szenen, Symbolen und heraldischen Mustern. Ihr Stil und ihre Technik entsprechen dem 13. und 14. Jahrhundert. Ähnliche Stücke wurden zuvor im Bereich des Louvre-Innenhofs entdeckt, was darauf hindeutet, dass königliche Residenzen jener Zeit eine gemeinsame dekorative Bildsprache teilten. Die mit stilisierten Lilien und Tieren verzierten Schmuckböden bildeten einst bunte Teppiche aus gebranntem Ton, über die Höflinge und Beamte der kapetingischen Monarchie schritten.

In den mittelalterlichen Schichten identifizierten Experten zudem das Fragment eines unterirdischen Raums, der als Keller gedeutet wird. Sie verbinden ihn mit dem königlichen Palast, der unter den Kapetingern auf der Insel als Machtzentrum diente — lange bevor das neuzeitliche Justiz- und Verwaltungssystem entstand. Bemerkenswert ist dabei, dass dieser konkrete Raum in keinem der bekannten historischen Grundrisse verzeichnet ist.

Selbst ein so intensiv erforschter Ort wie die Île de la Cité war in der archivalischen Dokumentation also nicht vollständig erfasst. Die neuen Grabungsdaten ermöglichen eine präzisere Vorstellung von der Bebauungsdichte und der Gestalt der Nebenräume repräsentativer Säle. Forscher gehen davon aus, dass der Keller zur Lagerung von Lebensmitteln oder Wein für den königlichen Hof genutzt wurde.

Ein Friedhof verborgen unter dem Pflaster des Justizinnenhofs

Im Verlauf der Arbeiten legten Archäologen eine Bestattungszone mit elf Gräbern frei. Die meisten davon sind einfache Erdgräber ohne nennenswerte Beigaben, was auf einen bescheidenen sozialen Status der hier Bestatteten hindeutet. Lage und stratigrafischer Kontext legen eine Verbindung zu sakralen und institutionellen Funktionen der mittelalterlichen Bebauung nahe.

Wahrscheinlich handelte es sich um Bedienstete oder Handwerker, die mit dem Betrieb des Palastes verbunden waren. Die Untersuchung der Grabstätte könnte Antworten auf Fragen zur Ernährung, zu Krankheiten und zum Sterbealter der Verstorbenen liefern — aber auch darüber, wie lange an diesem Ort bestattet wurde. Anthropologische Analysen und Labordatierungen werden noch viele Monate beanspruchen, doch allein der Nachweis eines solchen Bestattungsplatzes verändert den Blick auf den heutigen Innenhof grundlegend.

Wissenschaftler planen DNA-Analysen, Isotopenuntersuchungen an Knochen und detaillierte Zahnschmelzanalysen. Diese Methoden geben Aufschluss über die Herkunft der Bestatteten, ihre Migrationsgeschichte und die Zusammensetzung ihrer Ernährung. Einige der Verstorbenen könnten Fremde gewesen sein, die zum Arbeiten oder Handeln nach Paris kamen. Jedes Grab steht damit für ein konkretes menschliches Schicksal und verleiht großen historischen Ereignissen eine persönliche Dimension.

Was die Frühjahrskampagne bringen wird und warum der Fund europaweit bedeutsam ist

Für das Frühjahr 2026 planen die Archäologen eine zweite Feldkampagne. Die Ausgrabungen werden einen anderen Teil des Komplexes erfassen, was es ermöglichen soll zu überprüfen, ob die massive römische Mauer weiter verläuft und ob die mittelalterlichen Kellerräume ein zusammenhängendes System unter der Palastbebauung bildeten. Nach der Feldphase folgt eine langwierige Arbeit in Labors und Archiven.

Spezialisten werden jeden Keramikscherben, jeden Knochen und jedes Mörtelstück reinigen, katalogisieren und interpretieren. Historiker werden parallel dazu Grundrisse, Inventare und zeitgenössische Beschreibungen des Palastes sichten, um sie mit dem im Boden freigelegten Bild in Einklang zu bringen. Ein Teil der Funde könnte Eingang in die Ausstellung des Musée Carnavalet finden, das der Geschichte von Paris gewidmet ist.

Im Hinblick auf die Erforschung europäischer Städte hat die gesamte Angelegenheit eine weitreichende Bedeutung. Die Pariser Arbeiten zeigen, wie viele Informationen noch immer unter heutigen Oberflächen schlummern und wie entscheidend es ist, Rettungsgrabungen vor größeren Baumaßnahmen durchzuführen. Dasselbe Prinzip gilt überall in Europa — bei der Modernisierung historischer Innenstädte entstehen stets Gelegenheiten, gängige Vorstellungen über die Vergangenheit zu korrigieren und Strukturen zu entdecken, die längst als verloren oder undokumentiert galten.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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