Warum eine Lungenuntersuchung auch Tumoren außerhalb der Lunge entdeckt – Radiologen warnen

Ein Screening, das mehr sieht als erwartet

Eine Niedrigdosis-Computertomographie des Brustkorbs, die eigentlich zur Früherkennung von Lungenkrebs eingesetzt wird, erfasst weit mehr als nur das Lungengewebe. Eine aktuelle Auswertung von über 75.000 Aufnahmen aus einem amerikanischen Screeningprogramm zeigt: Bei drei Prozent der untersuchten Personen finden sich auffällige Befunde in Nieren, Lymphknoten oder Leber – und einige davon kündigen monatelang vor der eigentlichen Diagnose einen anderen Tumor an.

Immer mehr Menschen – vor allem langjährige Raucher – nehmen an der vorbeugenden CT-Untersuchung der Lunge teil. Das Ziel ist die frühzeitige Erkennung von Lungenkarzinomen. Doch Radiologen bemerken etwas Zusätzliches: Auf den Aufnahmen, die primär auf Lungenknötchen ausgerichtet sind, tauchen Veränderungen in benachbarten Organen auf, die sich im Sichtfeld des Geräts befinden.

Manche dieser Zufallsbefunde erweisen sich später als erstes stilles Anzeichen eines völlig anderen Tumors – lange bevor irgendwelche Beschwerden auftreten. Ärzte versuchen heute zu bestimmen, welche dieser „Nebenbefunde“ eine intensive Beobachtung rechtfertigen und welche man bedenkenlos abwarten kann.

Woher stammen diese Erkenntnisse?

Epidemiologen der Brown University in den USA werteten Daten aus dem umfangreichen National Lung Screening Trial (NLST) aus – einer der bedeutendsten Studien, die die Wirksamkeit der Computertomographie bei der Senkung der Lungenkrebssterblichkeit bei Dauerschmokern belegt hat. Die Wissenschaftler analysierten archivierte Aufnahmen: insgesamt mehr als 75.000 Untersuchungen von über 26.000 Teilnehmern, mit ausschließlichem Fokus auf Veränderungen außerhalb der Lunge.

Dabei interessierten sie sich für Auffälligkeiten, die ein Radiologe im Befundbericht als so bedeutsam einstufte, dass er weitere Abklärung empfahl. Die neue Analyse legt nahe, dass einige dieser Zufallsbefunde ein sehr frühes Anzeichen eines Tumors in einem anderen Organ sein können – noch bevor sich Symptome zeigen.

Was sieht die Computertomographie des Brustkorbs wirklich alles?

Bei der hier beschriebenen Untersuchung handelt es sich um eine Niedrigdosis-CT des Thorax, die hauptsächlich bei langjährigen Rauchern im Rahmen der Lungenkrebsvorsorge eingesetzt wird. Das Bild zeigt jedoch nicht nur die Lungen, sondern auch Teile der Nieren, der Leber, der Nebennieren, große Blutgefäße sowie die umliegenden Lymphknoten.

Das Team der Brown University School of Public Health kehrte zum Bildarchiv zurück und konzentrierte sich ausschließlich auf Veränderungen außerhalb des Lungengewebes. Von den insgesamt über 75.000 ausgewerteten Untersuchungen wurde bei etwa drei Prozent eine bedeutsame Veränderung außerhalb der Lunge dokumentiert. Das entspricht 1.807 Personen aus dem Screeningprogramm.

Konkret bedeutet das: Bei rund drei Prozent der Teilnehmer mit einem solchen Nebenbefund entwickelte sich innerhalb eines Jahres ein Krebs in einem anderen Organ. Statistisch entspricht das einem „Überschuss“ von fast 14 zusätzlichen Tumoren pro 1.000 betroffene Patienten im Vergleich zu Personen ohne entsprechende Befunde.

Die Forscher der Brown University betonen, dass die Erkennung dieser Befunde die Prognose der Erkrankten entscheidend beeinflussen kann. Mehr als ein Fünftel aller Todesfälle in der gescreenten Gruppe war nicht auf Lungenkrebs, sondern auf andere Tumoren zurückzuführen. Eine frühzeitige Erkennung dieser Erkrankungen kann in einem Teil der Fälle die Behandlungsaussichten erheblich verbessern.

Welche Organe senden die häufigsten Warnsignale?

Die Analyse zeigt, dass Veränderungen im Bereich des Harntrakts besonders aufmerksam beobachtet werden sollten. Bei Personen mit verdächtigen Auffälligkeiten in diesem Bereich wurden etwa 17 zusätzliche Tumoren pro 1.000 Patienten registriert – insbesondere Nierenzellkarzinome und Harnblasenkarzinome.

Ein erhöhtes Risiko zeigte sich auch für Erkrankungen des blutbildenden Systems, darunter bestimmte Leukämien und Lymphome. Auch hier ging ein auffälliges Bild der Lymphknoten oder innerer Organe einer späteren Diagnose häufiger voraus. Wissenschaftler betonen, dass solche Befunde eine sorgfältige Beurteilung durch einen Hämatologen erfordern.

Für die praktische Anwendung dieser Erkenntnisse schlagen die Studienautoren folgende Bewertungskriterien vor:

  • Deutlich solide Raumforderung in der Niere – in der Regel Indikation zur raschen onkologischen Abklärung
  • Asymmetrisch stark vergrößerte Lymphknoten – Bedarf einer eingehenden hämatologischen Untersuchung
  • Kleine, unspezifische Veränderungen ohne weitere Warnsignale – Verlaufsbeobachtung mit zeitlicher Kontrolle möglich
  • Inhomogene Raumforderungen in den Nebennieren – empfohlene Rücksprache mit einem Endokrinologen
  • Multiple kleine Knötchen in der Leber – Erwägung einer Ultraschall- oder MRT-Untersuchung
  • Wandverdickung im Magen-Darm-Trakt – mögliche Indikation zur Magenspiegelung oder Darmspiegelung

Die Daten aus dem NLST-Programm verdeutlichen noch etwas anderes: Ein beträchtlicher Teil der Todesfälle unter den Screening-Teilnehmern betraf nicht Lungenkrebs, sondern andere Tumorarten. Wenn die Medizin lernt, die Informationen aus den „Randbereichen“ der Aufnahmen besser zu nutzen, könnte die Lungenuntersuchung künftig zu einem Instrument der umfassenderen Krebsvorsorge werden.

Wie viele Verdachtsbefunde entpuppen sich wirklich als Krebs?

Obwohl die Zahlen beunruhigend wirken mögen, betonen die Wissenschaftler die weniger dramatische Seite: 97 Prozent der Personen, bei denen ein verdächtiger Befund außerhalb der Lunge beschrieben wurde, erhielten innerhalb eines Jahres keine Krebsdiagnose.

Für Ärzte und Patienten bedeutet das eine schwierige Entscheidung. Jeder Schatten an einer Niere oder jeder vergrößerte Lymphknoten wirft die Frage auf: Weitere Untersuchungen veranlassen – oder akzeptieren, dass das Risiko gering genug ist, um abzuwarten?

In der medizinischen Praxis lässt man Zweifel selten auf sich beruhen. Eine weitere CT, ein Ultraschall, eine Magnetresonanzuntersuchung, eine Biopsie – das ist die reale Konsequenz eines scheinbar harmlosen Satzes im Befundbericht: „Weitere Diagnostik erforderlich.“ Für einen Teil der Betroffenen endet das mit einer wertvollen Frühdiagnose. Für die große Mehrheit bedeutet es wochenlange Anspannung und Untersuchungen, die am Ende nichts beweisen.

Zwei britische Spezialisten, die die Ergebnisse der Analyse kommentierten, weisen darauf hin, dass es kaum vorstellbar ist, eine auch nur leicht verdächtige Veränderung vollständig zu ignorieren. Sofort greift ein Schutzmechanismus: lieber einmal zu viel kontrollieren als etwas übersehen.

Wo liegt die Grenze zwischen Vorsicht und überflüssiger Diagnostik?

Die neuen Daten aus Amerika liefern keinen einfachen Algorithmus, helfen aber dabei, Chancen und Risiken des weiteren Vorgehens besser einzuschätzen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr „Ist die Veränderung sichtbar?“, sondern: „Wie groß ist die reale Wahrscheinlichkeit, dass diese spezifische Veränderung auf eine lebensbedrohliche Erkrankung hinweist?“

Das führt zu einem Konflikt zwischen zwei Werten: dem Wunsch, eine gefährliche Erkrankung so früh wie möglich zu entdecken, und der Notwendigkeit, Patienten vor übermäßiger Diagnostik, unnötigen Eingriffen und Stress zu schützen. Wissenschaftler betonen, dass eine Balance zwischen Früherkennung und Überbehandlung gefunden werden muss.

Moderne Scanner bilden immer feinere Details ab. Radiologen sehen heute Knötchen im Millimeterbereich, Mikrokalzifikationen oder leichte Wandverdickungen von Organen. Ein Teil dieser Befunde wäre früher schlicht unsichtbar geblieben – und niemand hätte darüber nachgedacht, ob sie von Bedeutung sind.

Einerseits bietet das die Chance, Erkrankungen in einem sehr frühen Stadium zu erfassen, bevor sie überhaupt Symptome verursachen. Andererseits sieht sich die Medizin mit einer Flut an mehrdeutigen Informationen konfrontiert, die irgendwie interpretiert werden müssen. Das erzeugt Druck – sowohl bei Patienten als auch bei Ärzten, die über das weitere Vorgehen entscheiden müssen.

Wie könnten künftige Leitlinien aussehen?

Die Studienautoren schlagen nicht vor, solche Zufallsbefunde zu ignorieren. Sie empfehlen vielmehr, einen Teil davon als mögliche Frühhinweise auf weitere, noch stumme Tumoren zu werten – insbesondere wenn eine Veränderung eindeutig verdächtig wirkt, etwa ein solider Tumor im Nierenbereich.

Zukünftige Leitlinien könnten daher auf detaillierte Listen und Handlungsschemata ausgerichtet sein: Welche Bildmerkmale sollten nahezu automatisch zu einer raschen Diagnostik führen – und bei welchen ist eine Kontrolluntersuchung nach einigen Monaten die bessere Wahl?

Eine wachsende Rolle könnten dabei spezialisierte KI-Systeme zur Bildanalyse spielen. Aber auch diese werden qualitativ hochwertige Eingangsdaten und klare Regeln benötigen. Die Daten aus dem amerikanischen Screeningprogramm sind ein wichtiger Schritt in Richtung solcher Regeln: Sie zeigen, dass ein „kleines Detail“ außerhalb der Lunge manchmal eine entscheidende Intervention auslöst – und häufiger lediglich unnötige Angst.

Was bedeutet das für Ihre Vorsorgeuntersuchung?

Für Personen, die zur Lungen-CT überwiesen werden, ist eines wichtig: Der Befundbericht betrifft immer häufiger nicht nur die Lunge selbst. Im Bericht kann ein Hinweis auf eine Niere, die Leber oder Lymphknoten auftauchen, der auf den ersten Blick bedrohlich klingt – statistisch gesehen aber in der großen Mehrheit der Fälle keinen Tumor ankündigt.

Das Gespräch mit dem behandelnden Arzt wird hier zum entscheidenden Schritt: Es gilt zu erklären, wie groß das ungefähre Risiko ist, welche weiteren Untersuchungen sinnvoll sind und in welchem Zeitrahmen sie durchgeführt werden sollten. Manchmal ist eine Kontrolluntersuchung nach einigen Monaten vernünftiger als eine sofortige aggressive Diagnostik.

Aus Sicht des Gesundheitssystems bedeuten solche Zufallsbefunde auch eine zusätzliche Belastung. Jede unklare Veränderung erzeugt weitere Konsultationen, bildgebende Untersuchungen und häufig auch spezialisierte Eingriffe. Bei begrenzten Ressourcen muss die Medizin daher besser lernen, jene Situationen herauszufiltern, in denen die Abwägung von Nutzen und Schaden eindeutig für ein Handeln spricht.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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