Auf Kubas Straßen rollt ein alter Maluch – und aus dem Auspuff riecht es nicht nach Benzin
Auf einer kubanischen Straße bewegt sich ein alter Kleinwagen, dessen Auspuff keinen Benzingeruch verströmt – nur Rauch von brennendem Holz und Holzkohle. In einem Land, in dem Kraftstoff zum kaum erreichbaren Gut geworden ist, beschloss ein Mechaniker, sein Auto nicht einfach vor der Tür verstauben zu lassen.
Statt Benzin auf dem Schwarzmarkt für absurde Summen zu suchen, griff er auf eine längst vergessene Technologie zurück. Er verwandelte seinen alten Fiat Polski 126p in ein Fahrzeug, das mit Holzkohlgas angetrieben wird.
Kuba im Jahr 2026: Eine Kraftstoffkrise ohne Ende
Die Geschichte spielt sich im Jahr 2026 in Kuba ab. Das Land kämpft seit Monaten mit einer tiefen Treibstoffkrise. Die Öllieferungen sind von etwa 100.000 Barrel täglich auf rund 56.000 Barrel gesunken. Für gewöhnliche Fahrer bedeutet das schlicht: Benzin ist schlicht nicht zu bekommen.
Tankstellen stehen oft leer, es bilden sich stundenlange Schlangen – und am Ende fahren viele Fahrer trotzdem mit leeren Tanks wieder nach Hause. Der inoffizielle Markt blüht. Ein Liter Benzin kann dort umgerechnet rund 8 Dollar kosten, also etwa 7,50 Euro – ein Vielfaches des offiziellen Preises. Für lokale Verhältnisse ist das eine Summe, die die meisten Familien schlicht nicht stemmen können.
Der Mann hinter der Idee: Juan Carlos Pino
Mitten in diesem Chaos lebt Juan Carlos Pino, ein 56-jähriger Mechaniker. In seiner Garage steht ein Fiat Polski 126p aus dem Jahr 1980 – in Polen als „Maluch“ bekannt und einst in Lizenz von Fiat gebaut. Unter normalen Umständen ein schlichtes altes Stadtauto. Unter den Bedingungen der kubanischen Treibstoffblockade ist es für ihn jedoch unbezahlbar: ein Mittel zum Geldverdienen, zum Transportieren der Familie, zur Erledigung alltäglicher Dinge.
Pino entschied sich, anstatt ratlos auf einen leeren Tank zu starren, einen Blick in die Automobilgeschichte zu werfen. Er griff zu einer Lösung, die eher an Kriegszeiten erinnert als an das 21. Jahrhundert: einen Holzgasgenerator – eine Technologie, die in Europa während des Zweiten Weltkriegs weit verbreitet war, als Benzin rationiert wurde.
Wie der Umbau technisch funktioniert
Anstelle des herkömmlichen Kraftstofftanks montierte Pino einen großen Metallzylinder hinten am kleinen Fiat. Als Brennkammer nutzte er eine alte Propangasflasche, deren Deckel er aus einem Teil eines elektrischen Transformators fertigte. Befüllt wird die Kammer mit Holzkohle, die bei sehr hohen Temperaturen von bis zu rund 1.000 Grad Celsius unvollständig verbrennt.
Bei dieser unvollständigen Verbrennung entsteht ein brennbares Gas, das reich an Kohlenmonoxid ist. Nach entsprechender Reinigung kann dieses Gas einen herkömmlichen Verbrennungsmotor antreiben. Das Gas aus der Brennkammer gelangt jedoch nicht direkt in den Motor – es durchläuft zunächst ein einfaches, aber wirkungsvolles Kühl- und Filtersystem. Als Filter verwendete Pino eine alte Milchkanne, gefüllt mit alten Kleidungsstücken. Das Material fängt Staub, Asche und Rußpartikel auf. Erst danach saugt der Motor das gereinigte Gas an – anstelle des üblichen Benzin-Luft-Gemischs.
Leistung des umgebauten Autos: Langsamer, schwächer – aber es fährt
Ein solcher Umbau hat natürlich seinen Preis. Der Maluch verwandelt sich nicht plötzlich in einen Sportwagen – ganz im Gegenteil. Er verliert schätzungsweise 30 bis 50 Prozent seiner Leistung. Das Auto beschleunigt träge und braucht eine Weile, bis es überhaupt in Fahrt kommt. Hinzu kommt, dass vor jeder Fahrt ein Feuer entfacht werden muss und gewartet wird, bis die Anlage die richtige Betriebstemperatur erreicht und ausreichend Gas produziert.
Trotz dieser Nachteile ist das Fahrzeug voll einsatzfähig. Pino hat errechnet, dass er mit einer Füllung Holzkohle etwa 85 Kilometer weit kommt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei rund 70 km/h. Für Fahrten in der Stadt und auf umliegenden Straßen reicht das aus. Gelegentlich muss Brennmaterial nachgelegt und der Filter gereinigt werden – sonst beginnt der Motor zu stottern.
Risiken und Gefahren der Technologie
Das ist definitiv kein Spielzeug für Hobbybastler. Es ist vielmehr eine verzweifelte Antwort auf die Unverfügbarkeit von Kraftstoff. Fachleute warnen ausdrücklich vor den Risiken dieser Technologie:
- Erheblicher Leistungs- und Geschwindigkeitsverlust
- Notwendigkeit häufiger Filterreinigung
- Ständige Überwachung des Feuers in der Brennkammer
- Starker Rauch und Rußablagerungen an der Karosserie
- Vergiftungsgefahr durch Kohlenmonoxid sowie Brandgefahr
Kohlenmonoxid ist geruchlos und tödlich gefährlich. Fahrer, die diesen Antrieb nutzen, müssen daher jede kleinste Undichtigkeit in der Anlage ernst nehmen. Dazu kommen die extremen Temperaturen in der Brennkammer – jeder Montagefehler kann dazu führen, dass das Fahrzeug in Brand gerät.
Eine Technologie aus Kriegszeiten – und Kubas Erfindergeist
Auch wenn der Anblick eines rauchenden Maluches für Außenstehende exotisch wirken mag, kennt die Geschichte solche Lösungen bereits. In Europa fuhren während des Zweiten Weltkriegs schätzungsweise rund eine Million Fahrzeuge mit Holzgasgeneratoren: Lastwagen, Busse und sogar Traktoren – viele mit nahezu identischen Einschränkungen wie das Auto von Juan Carlos.
Kuba ist seit Jahren für seine motoristische Kreativität bekannt. Auf den Straßen rollen noch immer amerikanische Straßenkreuzer aus den 1950er-Jahren, umlackiert, geflickt, mit Motoren aus Lastwagen oder chinesischen Bussen. Mechaniker kleben Teile zusammen, reparieren, was in anderen Ländern längst auf dem Schrottplatz gelandet wäre, und behandeln jedes Stück Metall wie einen Schatz.
Der Fiat Polski von Juan Carlos fügt sich perfekt in dieses Bild ein – geht aber noch einen Schritt weiter. Es geht nicht mehr nur darum, ein altes Auto am Leben zu halten. Es ist ein Überlebenswerkzeug in einem Land, in dem man ohne Transportmittel plötzlich keinen Zugang mehr zu Arbeit, Arzt oder dem täglichen Einkauf hat.
Holzgas, Elektrofahrzeuge und der Blick in die Zukunft
Ein Teil der Kubaner versucht, die Mobilität durch den Umstieg auf Motorroller und dreirädrige Elektrofahrzeuge zu retten. Für viele ist das die einzige Möglichkeit, sich vom Benzin zu lösen. Doch auch Elektrofahrzeuge haben ihre Tücken: Stromausfälle, teure Batterien und eine oft mangelhafte Hausinstallation.
Pinos Projekt zeigt eine andere Richtung. Statt auf ein stabiles Stromnetz zu warten, greift er auf einen Rohstoff zurück, der praktisch überall verfügbar ist: Holz und Holzkohle. Das ist keine ideale Lösung für ein ganzes Land – eine massenhafte Holzverbrennung könnte Wälder rasch zerstören. Für einzelne Fahrzeuge jedoch wird es zur Form des Notverkehrs.
In wohlhabenderen Teilen der Welt klingt die Idee eines holzgasbetriebenen Autos wie eine skurrile Kuriosität. Wo Tankstellen an jeder Ecke stehen, denkt niemand daran, im Kofferraum ein Feuer zu entfachen. Das ändert sich in dem Moment, wenn der Zugang zu Kraftstoff zusammenbricht und das Vertrauen in stabile Versorgungsketten schwindet.
Was diese Geschichte über klassische Motoren lehrt
Die Technologie des Holzgasgenerators erinnert daran, dass ein Verbrennungsmotor erstaunlich flexibel sein kann. Man muss lediglich die Art der Kraftstoffzufuhr ändern – und ein klassisches Auto aus sozialistischen Zeiten wird zu einem Fahrzeug, das seinen Fahrer von Raffinerien unabhängig macht. Der Preis dafür sind Komfort, Sicherheit und Zeit. Die Belohnung ist die Möglichkeit, dorthin zu gelangen, wo andere zu Fuß gehen müssen.
Sollte eine ähnliche Energiekrise andernorts auftreten, könnten Ingenieure und Mechaniker weltweit auf vergleichbare Lösungen zurückgreifen. Bis dahin dürfte Holzgas eine Rarität bleiben – vorbehalten für Orte, an denen es schlicht keine andere Wahl gibt, oder für Enthusiasten, die ihren Oldtimer mit einer völlig anderen Energiequelle als Benzin zum Laufen bringen wollen.











