Ein Hirte in Patagonien entdeckte einen Riesen-Dinosaurier. Forscher sind fassungslos

Ein zufälliger Fund auf einer abgelegenen Weide erschüttert die Paläontologie

Auf einer einsamen Weide in der argentinischen Patagonien stieß ein Hirte auf die Knochen eines gewaltigen Wesens. Niemand ahnte, dass dieser Moment die gesamte Paläontologie auf den Kopf stellen und Experten zwingen würde, die Geschichte der gigantischen Pflanzenfresser grundlegend neu zu bewerten.

Was als gewöhnlicher Spaziergang über eine Farm in der argentinischen Provinz Chubut begann, landete bald in den führenden Wissenschaftszeitschriften. Die neue Dinosaurierart erhielt den Namen Bicharracosaurus dionidei — und dieses Tier widersetzt sich allen bisher etablierten Schemata.

Es vereint nämlich Merkmale mehrerer verschiedener Gruppen gleichzeitig und zwingt Forscher dazu, die gesamte Evolutionsgeschichte der gigantischen Sauropoden von Grund auf neu zu denken.

155 Millionen Jahre alte Knochen in überraschend gutem Zustand

Die fossilen Überreste stammen von einem Privatbetrieb in Südargentinien und werden auf die späte Jurazeit datiert — also auf ungefähr 155 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung. In jener Epoche wandelten bereits große Sauropoden über die Erde, doch viele Entwicklungslinien befanden sich noch in ihrer Entstehungsphase.

Das Forscherteam barg mehr als 30 Wirbel, Rippen und ein Beckenfragment. Die Analyse der Knochengröße und -struktur legt nahe, dass ein ausgewachsenes Exemplar etwa 20 Meter Länge erreichte. Den größten bekannten Sauropoden kam es zwar nicht gleich, doch wäre es ein Tier gewesen, das jede heutige Landschaft mühelos dominiert hätte.

Die Paläontologen betonen dabei einen bemerkenswerten Umstand: Für ein so altes Fundobjekt befanden sich die Knochen in einem außergewöhnlich hervorragenden Erhaltungszustand.

Ein zwanzig Meter langer Gigant unter Schafhufen

Wissenschaftler des Museo Paleontológico Egidio Feruglio in Trelew verbrachten Monate damit, jeden einzelnen Fragment sorgfältig zu untersuchen. Sie bestätigten, dass das Tier zu den Sauropoden gehörte — jenen vierbeinigen Dinosauriern mit dem charakteristisch langen Hals und dem massigen Körper.

Patagonien ist ohnehin seit Langem als wahre Schatzkammer für Fossilien dieser Tiere bekannt. Doch hier beginnt das eigentliche Rätsel erst richtig.

Bei näherer Betrachtung der Skelettelemente zeigte sich etwas völlig Unerwartetes. Bestimmte Teile des Skeletts erinnern an eine Sauropodengruppe, andere Bereiche wiederum an eine vollkommen andere. Genau diese „hybride“ Merkmalskombination beunruhigt die Paläontologen am meisten.

Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal PeerJ veröffentlicht. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass jeder weitere Knochen aus dieser geologischen Periode die gesamte Sichtweise auf die Sauropodenentwicklung grundlegend verändern kann. Die Fundstätte Cañadón Calcáreo in Patagonien bestätigt sich damit erneut als Schlüsselort für das Verständnis der Jurazeit.

Ein Dinosaurier, der in keine Schublade passt

Am Bicharracosaurus dionidei ist nicht die Körpergröße am faszinierendsten, sondern seine Anatomie. Das Forscherteam machte auf eine ungewöhnliche Mischung morphologischer Merkmale aufmerksam, die eine eindeutige Klassifizierung erheblich erschwert.

Ein Teil der Hals- und Brustwirbel ähnelt der afrikanischen Art Giraffatitan, die zur Familie der Brachiosauriden gehört. Andere Abschnitte der Wirbelsäule, insbesondere die Rückenwirbel, ähneln hingegen auffällig dem nordamerikanischen Diplodocus und seinen Verwandten.

Der Beckenbau und die Gesamtproportionen der Knochen deuten jedoch klar auf eine Verwandtschaft mit den Brachiosauriern hin — nicht mit den sogenannten „peitschenschwänzigen“ Sauropoden diplodokoider Bauart. Diese Kombination überraschte das Wissenschaftsteam erheblich.

Die Forscher führten daraufhin phylogenetische Analysen durch — computergestützte Vergleiche von Hunderten skelettaler Merkmale verschiedener Dinosaurier. In den Vergleich flossen Daten aus Fundstätten in Tansania, Wyoming, Colorado und weiteren Regionen der Welt ein.

Das Ergebnis: Bicharracosaurus dionidei gehört zur Familie der Brachiosauridae und ist der erste Vertreter dieser Gruppe, der aus jurazeitlichen Schichten Südamerikas beschrieben wurde. Sollten sich diese Schlussfolgerungen bestätigen, hätten Forscher ein gewichtiges Argument dafür, dass Brachiosaurier im Jura weitaus weiter verbreitet waren, als bisher angenommen.

Sie beschränkten sich nicht auf das Gebiet des heutigen Nordamerikas und Afrikas, sondern drangen auch auf die südlichen Kontinente vor. Das würde bedeuten, dass sich diese Riesen über das antike Gondwana bewegten, als die Kontinentalplatten noch verhältnismäßig nahe beieinander lagen.

Was diese rätselhafte Merkmalsmischung verrät

Die ungewöhnliche Kombination anatomischer Merkmale hat eine weit größere Bedeutung, als nur die Einordnung in eine Museumssammlung zu erschweren. Sie deutet nämlich darauf hin, dass sich die Entwicklungslinien der Sauropoden in der späten Jurazeit stark überschnitten und die Grenzen zwischen einzelnen Familien bei Weitem nicht so klar waren, wie vereinfachte Lehrbuchschemata suggerieren.

Das wirkt sich unmittelbar darauf aus, wie Wissenschaftler die Dinosaurierwanderungen über den einstigen Superkontinent Gondwana rekonstruieren. Wenn Brachiosaurier tatsächlich so früh in Patagonien auftauchten, müssen sie gewaltige Entfernungen zurückgelegt haben, bevor sich die Kontinentalplatten merklich voneinander trennten.

Jeder neue Knochen aus dieser Epoche hilft dabei, eine grundlegende Frage zu beantworten: Entstanden ähnliche Formen unabhängig voneinander an verschiedenen Orten, oder wanderten sie über noch verbundene Landmassen? Dinosaurier wie Bicharracosaurus dionidei dienen als wichtige Referenzpunkte beim Vergleich mit Exemplaren aus Tansania, Wyoming oder Utah.

Forscher erinnern daran, dass die Juraschichten in Regionen wie Patagonien oder Afrika noch unzählige Überraschungen verbergen. Jede neue Entdeckung kann bestehende Theorien über Wanderungsbewegungen und Evolutionsbeziehungen grundlegend revidieren.

Patagonien gewinnt für die Weltpaläontologie zunehmend an Bedeutung

Die Überreste des Bicharracosaurus dionidei stammen aus der Formation Cañadón Calcáreo in Patagonien. Diese Region zieht Wissenschaftler schon seit Jahren an, wird aber erst in jüngster Zeit als eine der Schlüsselregionen für die Erforschung jurazeitlicher Sauropoden auf dem gesamten Planeten betrachtet.

Das Wissen über die Entwicklung spätjurazeitlicher Sauropoden stützte sich bis vor Kurzem überwiegend auf reiche Funde aus Nordamerika und einige wenige Fundstätten auf der nördlichen Hemisphäre. Der Süden des Planeten blieb auf der paläontologischen Karte lange ein weißer Fleck. Ausnahmen bildeten einige Fundorte in Tansania, doch fehlte Vergleichsmaterial aus anderen Teilen des damaligen Gondwana.

Die neuen Funde aus Patagonien beginnen diese Lücke zu schließen. Jede weitere Entdeckung aus der Provinz Chubut ermöglicht ein besseres Verständnis der damaligen „Verbreitungskarte“ der Dinosaurier. Die argentinische Patagonien reiht sich damit schrittweise neben die klassischen Fundstätten in Montana oder Tansania ein.

  • Die Formation Cañadón Calcáreo in der Provinz Chubut liefert immer neue und überraschende Funde
  • Das Museum in Trelew bewahrt einige der besten Titanosaurierskelette der Welt
  • Forscher planen weitere Expeditionen in bisher kaum erkundete Gebiete
  • Lokale Hirten und Landwirte spielen eine Schlüsselrolle bei der Entdeckung neuer Fundstätten
  • Die Juraschichten dieser Region sind außerordentlich fossilienreich
  • Wissenschaftler hoffen auf den Fund eines Schädels oder Gliedmaßenknochen desselben Individuums
  • Jedes neue Fragment hilft dabei, die Evolutionsbeziehungen zwischen den Gruppen zu präzisieren
  • Patagonien konkurriert heute mit der berühmten nordamerikanischen Morrison Formation

Der Hirte, dem ein Dinosaurier seinen Namen verdankt

Die ganze Geschichte beginnt bei einem einheimischen Hirten namens Dionide Mesa. Er war es, der als Erster die ungewöhnlichen Knochen bemerkte, die aus dem Untergrund seines Grundstücks herausragten. Anstatt achtlos daran vorbeizugehen, kontaktierte er Experten — und dank dieser Entscheidung hat sein Name für immer Eingang in die wissenschaftliche Literatur gefunden.

Der Artname dionidei wurde genau zu seinen Ehren gewählt. Der Gattungsname bicharraco entstammt einem umgangssprachlichen spanischen Ausdruck für ein großes Tier — die Forscher befanden, er treffe den Charakter des entdeckten Riesen auf den Punkt.

Ein zufälliger Fund auf einer gewöhnlichen Weide entpuppte sich als fehlendes Puzzleteil bei der Frage nach der Verbreitung der Brachiosaurier auf den antiken Kontinenten. Dionide Mesa trat damit in die Fußstapfen berühmterer Entdecker aus Wyoming oder Colorado.

Diese Geschichte erinnert daran, welch große Rolle die Bewohner von Dörfern und Kleinstädten spielen, die täglich dieselbe Landschaft durchqueren. Wissenschaftler kommen nur für wenige Wochen im Jahr an einen Fundort — Hirten und Bauern aber beobachten denselben Boden jeden einzelnen Tag. Ihre Aufmerksamkeit entscheidet oft über den Erfolg einer ganzen Expedition.

Warum dieser Dinosaurier Experten so fasziniert

Bicharracosaurus dionidei ist weder das größte noch das vollständigste Skelett, das in Patagonien bisher freigelegt wurde. Dennoch zieht er die Aufmerksamkeit von Forschern an Universitäten und Museen auf sich — und das aus mehreren triftigen Gründen.

Er stammt aus einer Zeitperiode, die in Südamerika noch immer nur schwach dokumentiert ist. Er repräsentiert eine Brachiosaurier-Linie in einer Region, in der sie bisher niemand im Jura nachgewiesen hatte. Und er kombiniert Merkmale verschiedener Familien auf eine Weise, die eine Überarbeitung vereinfachter Evolutionsschemata erfordert.

Darüber hinaus stellt er einen wichtigen Referenzpunkt für den Vergleich mit Exemplaren aus Tansania, Wyoming und Utah dar. Solche „problematischen“ Funde helfen nämlich dabei zu überprüfen, ob die bisherigen Annahmen zur Dinosaurierevolution nicht zu vereinfacht waren.

Je mehr derartige Beispiele Wissenschaftler zusammentragen, desto weniger geradlinig erscheint die gesamte Dinosauriergeschichte — und desto mehr ähnelt sie einem dichten Netz aus Verzweigungen und Sackgassen. Das Team des Museo Paleontológico Egidio Feruglio hofft, im selben Gebiet weitere Fragmente zu finden, vielleicht Gliedmaßenknochen oder einen Schädel.

Die Arbeit ist mit der Veröffentlichung der Ergebnisse keineswegs abgeschlossen. Die detaillierte Beschreibung der einzelnen Skelettelemente läuft noch, und die Paläontologen erwarten, dass jedes neue Fragment das Gesamtbild dieses Wesens weiter schärfen wird. Der Dinosaurier aus Patagonien bleibt damit ein lebendiges und offenes Forschungsthema.

Was wir alle daraus mitnehmen können

Die Geschichte des Hirten aus Patagonien und seines zwanzig Meter langen Nachbarn aus vergangenen Millionen von Jahren hält einige bemerkenswerte Lehren bereit. Vor allem erinnert sie daran, dass große wissenschaftliche Durchbrüche nicht immer aus teuren, millionenschwer finanzierten Expeditionen hervorgehen.

Manchmal beginnen sie bei jemandem, der sich einfach bückte und einen merkwürdigen Stein im Gras genauer betrachtete. Gleichzeitig zeigt diese Geschichte, wie unvollständig das Bild der Vergangenheit ist, das uns Museumsausstellungen vermitteln. Ein einziger neuer Knochen kann dazu führen, dass Wissenschaftler mehrere entscheidende „Teile“ im Evolutionspuzzle neu verschieben müssen.

Für Forscher ist das ein Ansporn, ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf die südlichen Kontinente zu richten und sich nicht ausschließlich auf die klassischen Fundstätten Nordamerikas zu beschränken. Für lokale Gemeinschaften ist es ein Signal, dass ihr Hinterhof Entdeckungen verbergen könnte, die es auf die Titelseiten führender Wissenschaftszeitschriften schaffen.

Und für alle Dinosaurierbegeisterten ist es schlicht ein weiterer Beweis dafür, dass die Geschichte dieser Tiere weit komplexer ist, als einfache Bilder aus Kinderbüchern erahnen lassen. Vielleicht stoßen auch Sie eines Tages bei einem Spaziergang auf etwas, das den Blick der gesamten Wissenschaft auf die ferne Vergangenheit der Erde verändern wird.

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

Scroll to Top