Eine europäische klinische Studie gibt Millionen Menschen neue Hoffnung – besonders jenen, die unter Schlafapnoe leiden, aber die CPAP-Maske einfach nicht tolerieren können. Ein bereits bekanntes Epilepsiemittel soll die nächtlichen Atemaussetzer deutlich reduzieren.
Schätzungen zufolge leidet weltweit bis zu einer Milliarde Menschen an obstruktiver Schlafapnoe. Viele wissen gar nichts von ihrer Erkrankung – sie wachen müde auf, kämpfen mit Kopfschmerzen, haben Konzentrationsprobleme, nehmen zu und werden von ihren Mitmenschen wegen lautem Schnarchen gemaßregelt. Die wirksamste Therapie bleibt bislang das CPAP-Gerät, das über eine Maske kontinuierlich Luft in die Atemwege drückt. Das Problem: Viele Patienten kommen damit einfach nicht zurecht.
Manche stört das Geräusch, andere empfinden die Maske als beengend, leiden unter trockenen Schleimhäuten oder dem Druck auf das Gesicht. In der Praxis bricht bis zur Hälfte aller Betroffenen die CPAP-Therapie im ersten Jahr ab – obwohl das Gerät sehr gut funktioniert. Ärzte suchen daher seit Jahren nach medikamentösen Alternativen. Neue Daten aus einer europäischen Studie lassen nun hoffen, dass dieses Ziel bald erreichbar ist.
Wie groß das Problem Schlafapnoe wirklich ist
Bei der obstruktiven Schlafapnoe kollabieren im Schlaf immer wieder die oberen Atemwege – die Folge sind wiederholte Atemaussetzer. Forscher schätzen, dass Hunderte Millionen Menschen betroffen sind, wobei die tatsächliche Zahl noch höher liegen dürfte. Viele Betroffene ahnen nicht, dass ihre morgendliche Erschöpfung, Konzentrationsstörungen oder die schleichende Gewichtszunahme mit schlechtem Schlaf zusammenhängen.
Unbehandelt erhöht die Schlafapnoe das Risiko für Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes erheblich. Übermäßige Tagesmüdigkeit mindert nicht nur die Lebensqualität, sondern erhöht auch die Unfallgefahr im Straßenverkehr. Dennoch lehnen viele Patienten eine Behandlung ab, weil die effektivste Methode – das CPAP-Gerät – jede Nacht das Tragen einer Maske erfordert.
Umfragen zeigen, dass mangelnder Komfort häufiger zum Therapieabbruch führt als fehlende Wirksamkeit. Das CPAP-Gerät kann die Apnoe bei konsequenter Anwendung nahezu vollständig beseitigen. Die klinische Forschung richtet sich daher zunehmend auf Medikamente, die das mechanische Gerät zumindest bei einem Teil der Patienten ersetzen könnten.
Sulthiam reduzierte Atemaussetzer in der Studie um 47 Prozent
Bahnbrechende Ergebnisse lieferte die europäische klinische Studie FLOW, in der die Wirksamkeit des Medikaments Sulthiam bei Patienten mit mittelgradiger bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe untersucht wurde. Sulthiam ist ein älteres, gut bekanntes Antiepileptikum, das bisher hauptsächlich in der Neurologie eingesetzt wurde. Die Studie prüfte, ob es die Zahl der Atemaussetzer senken und die nächtliche Sauerstoffsättigung verbessern kann.
An der Studie nahmen 298 erwachsene Patienten aus fünf europäischen Ländern teil. Die Behandlung dauerte 15 Wochen, die Teilnehmer wurden in Gruppen mit unterschiedlichen Dosierungen oder Placebo aufgeteilt. Bei den höchsten Dosen reduzierte Sulthiam die nächtlichen Atemaussetzer im Durchschnitt um 47 Prozent und verbesserte gleichzeitig den Sauerstoffgehalt im Blut während des Schlafs.
Das ist ein beachtlicher Effekt – zumal bislang kein orales Präparat existierte, das direkt an den Mechanismen der Atemaussetzer ansetzt. Alle früheren Versuche zielten eher auf die Folgen der Erkrankung oder auf eine bessere Verträglichkeit der CPAP-Maske ab. Sulthiam stellt damit die erste echte pharmakologische Alternative zur mechanischen Beatmung dar.
Die Wissenschaftler der an der FLOW-Studie beteiligten Universitätsinstitutionen betonen, dass die Ergebnisse durch weitere klinische Prüfungen bestätigt werden müssen. Derzeit handelt es sich um die zweite Testphase, in der Dosierungsbereiche, Wirkmechanismen und Sicherheitsprofile ermittelt werden. Bevor das Medikament in normale Arztpraxen gelangt, ist noch eine dritte Phase mit mehr Patienten und längerem Beobachtungszeitraum erforderlich.
Wie Sulthiam bei der Schlafapnoe wirkt
Sulthiam gehört zur Gruppe der Carboanhydrase-Hemmer. Im Kontext der Schlafapnoe ist entscheidend, dass es die Atemsteuerung stabilisiert – also die Art und Weise, wie Gehirn und Körper auf Veränderungen des Sauerstoff- und Kohlendioxidspiegels reagieren. Bei einem Teil der Schlafapnoe-Patienten liegt ein sogenannter hoher Loop Gain vor: Das atemregulierende System reagiert übermäßig heftig.
Es entsteht dann ein Muster aus abwechselnden Phasen sehr schnellen, tiefen Atmens, auf die ein vollständiger Atemstillstand folgt. Sulthiam hilft, dieses System zu „beruhigen“, wodurch die Atmung in der Nacht gleichmäßiger wird. In früheren, kleineren Studien beschrieben Forscher zudem, dass das Medikament den Muskeltonus im Rachenraum verbessert. Die Atemwege kollabieren dadurch seltener, was das Risiko einer Verengung im Schlaf reduziert.
Experten aus neurologischen und pneumologischen Fachbereichen weisen darauf hin, dass Sulthiam nur einen von vier Schlüsselmechanismen der obstruktiven Schlafapnoe adressiert. Wenn bei einem bestimmten Patienten instabile Atemsteuerung dominiert, kann Sulthiam sehr gut wirken. Ist jedoch die Anatomie des Rachens oder das Körpergewicht das Hauptproblem, dürfte der Effekt geringer ausfallen.
In kürzeren, früheren Studien verzeichneten Forscher beispielsweise keine deutliche Verbesserung der Tagesmüdigkeit oder der Lebensqualität, obwohl die Zahl der Atemaussetzer sank. Das deutet darauf hin, dass das Medikament nicht für alle Patiententypen gleichermaßen geeignet ist. Deshalb wird derzeit an diagnostischen Werkzeugen gearbeitet, die im Voraus bestimmen können, wer am meisten von einer Sulthiam-Behandlung profitiert.
Nebenwirkungen und Sicherheit bei längerer Einnahme
Im Verlauf der FLOW-Studie traten Nebenwirkungen relativ häufig auf, waren aber in den meisten Fällen mild und klangen von selbst wieder ab. Am häufigsten zeigten sich Parästhesien – ein Kribbeln, Taubheitsgefühl oder ein Gefühl wie ein „elektrischer Strom“ in den Fingern oder um den Mund herum. Dieses Phänomen hängt mit dem Wirkmechanismus der Carboanhydrase-Hemmer zusammen und erfordert in der Regel keinen Therapieabbruch.
Die häufigsten Beschwerden waren vorübergehend und harmlos:
- Kribbeln in den Fingern und im Mundbereich
- leichtes Taubheitsgefühl der Haut
- Geschmacksstörungen oder veränderte Geschmackswahrnehmung
- gelegentliche Kopfschmerzen
- leichte Verdauungsbeschwerden
- Mundtrockenheit
- Müdigkeit in der Anfangsphase der Behandlung
- selten Schlafstörungen oder Unruhe
Die Verträglichkeit wurde bei verschiedenen Dosierungen sorgfältig überwacht. Forscher beobachteten die Nierenfunktion, da Carboanhydrase-Hemmer die Ausscheidung von Salzen und Flüssigkeiten beeinflussen können. Eine vollständige Bewertung der Langzeitsicherheit wird weitere Studien mit einem Beobachtungszeitraum von Monaten bis Jahren erfordern.
Einige Spezialisten aus universitären Schlaflaboren weisen darauf hin, dass Sulthiam in der Neurologie bereits seit Jahrzehnten eingesetzt wird – das grundlegende Sicherheitsprofil ist daher recht gut dokumentiert. Offen bleibt, wie sich das Medikament bei Langzeitanwendung bei Apnoe-Patienten verhält, die häufig weitere Erkrankungen wie Bluthochdruck, Adipositas oder Diabetes haben.
Weitere Medikamente in der klinischen Entwicklung: Das Zeitalter der Schlafpharmakologie beginnt
Sulthiam ist nicht der einzige Kandidat für eine orale Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe. Mehrere Pharmaunternehmen arbeiten an anderen Molekülen, die auf unterschiedliche Krankheitsmechanismen abzielen. Statt des Einheitsansatzes „Atemmaske für alle“ zeichnet sich ein präziserer Therapieansatz ab, bei dem die Behandlung je nach individuellem Krankheitsmechanismus ausgewählt wird.
Das Unternehmen Apnimed hat angekündigt, bei der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA einen Zulassungsantrag für das Präparat AD109 einzureichen. Es handelt sich um eine Kombination aus zwei bekannten Wirkstoffen – Aroxybutynin und Atomoxetin. Dieses Duo soll die neuromuskuläre Funktion der oberen Atemwege verbessern, also deren Tonus und Widerstandsfähigkeit gegen nächtliches Kollabieren stärken. AD109 zielt damit auf einen anderen Mechanismus als Sulthiam – statt die Atemsteuerung zu stabilisieren, stärkt es die Strukturen, durch die die Luft strömt.
Ein weiteres Projekt ist IHL-42X des Unternehmens Incannex Healthcare. Auch hier handelt es sich um eine Kombinationstherapie aus zwei bekannten Substanzen, die gemeinsam Atemaussetzer lindern sollen. Das Präparat hat bereits die zweite Testphase erreicht.
Wichtige Neuigkeiten kamen auch aus einer anderen Richtung. Seit Ende 2024 ist Tirzepatid in Form von Zepbound das erste offiziell zugelassene Medikament zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe bei adipösen Patienten. Es wirkt indirekt – durch Gewichtsreduktion, die den Gewebedruck auf die Atemwege verringert. Klinische Studien zeigten, dass Patienten, die durch Tirzepatid abnahmen, deutlich weniger Atemaussetzer hatten.
Forscher an medizinischen Fakultäten und Schlafforschungsinstitutionen beobachten auch Präparate, die die Ausschüttung von Neurotransmittern im Hirnstamm beeinflussen. Diese Stoffe könnten die Koordination der Atemmuskeln verbessern und deren Erschlaffung in der REM-Schlafphase verhindern – genau dann, wenn Apnoe-Ereignisse am häufigsten auftreten.
Was Patienten in den nächsten Jahren erwarten können
Für Menschen, die jeden Abend ihre CPAP-Maske anlegen und die Stunden bis zum Morgen zählen, klingt die Aussicht auf eine Tablette verlockend. Dennoch ist Nüchternheit angebracht. Weder Sulthiam noch die anderen genannten Präparate werden CPAP-Geräte von heute auf morgen ersetzen. Ein realistischeres Szenario sieht vor, dass Ärzte in einigen Jahren aus einem breiten Methodenspektrum wählen können – von der klassischen Maske über intraorale Apparate und Gewichtsreduktion bis hin zu verschiedenen Medikamentenkombinationen.
Bei einem Teil der Patienten könnte die Maske möglicherweise ganz entfallen, bei anderen der Luftdruck oder die Tragedauer reduziert werden – was den Komfort deutlich verbessern würde. Immer häufiger ist von „maßgeschneiderter Schlafmedizin“ die Rede. Das bedeutet: Bevor ein Patient ein bestimmtes Medikament erhält, durchläuft er eine detailliertere Diagnostik – Analyse des Atemaussetzermusters, Beurteilung der Rachenanatomie, des Körpergewichts und der Reaktion des Atemzentrums. Auf dieser Grundlage wählt der Spezialist eine Therapie oder eine Kombination davon.
In Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern bagatellisieren viele Menschen die typischen Warnsymptome noch immer. Zu den häufigsten zählen lautes, unregelmäßiges Schnarchen mit Atempausen, ein Würge- oder Erstickungsgefühl in der Nacht sowie Kopfschmerzen und Mundtrockenheit am Morgen. Ausgeprägte Tagesmüdigkeit, Einschlafen beim Gespräch oder vor dem Fernseher, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit und gedrückte Stimmung – all das sollte Anlass für einen Arztbesuch sein.
Goldstandard der Diagnostik bleibt die Polysomnographie oder vereinfachte Heimtests. Ohne eine gründliche Diagnose wird es künftig schwierig sein, eine pharmakologische Therapie passend zum individuellen Störungsmuster auszuwählen. In der Diskussion über neue Medikamente darf der Lebensstil nicht außer Acht gelassen werden. Selbst die beste Tablette kann die Folgen ausgeprägter Adipositas, übermäßigen Alkoholkonsums vor dem Schlafen oder des Rauchens nicht beseitigen.
Gesunde Gewohnheiten steigern die Wirksamkeit jeder Therapie
Ein gesundheitsbewusster Lebensstil – ein gesundes Körpergewicht halten, Suchtmittel einschränken, regelmäßige Schlafzeiten einhalten – erhöht die Chance, dass sowohl Medikamente als auch ein CPAP-Gerät effizienter wirken. Ärzte in Schlaflaboren betonen, dass eine Pharmakotherapie voraussichtlich am wirkungsvollsten bei Patienten mit einem Body-Mass-Index unter 30 ist, die nicht unter starkem Übergewicht leiden. Bei stark adipösen Patienten bleibt die Gewichtsreduktion der entscheidende Erfolgsfaktor.
Für Ärzte werden die kommenden Jahre eine Phase rasant wachsender Erkenntnisse und notwendiger Anpassungen in der Apnoe-Therapie sein. Für Patienten ist jetzt ein guter Moment, die Diagnostik nicht länger aufzuschieben – denn je früher eine Diagnose gestellt wird, desto größer ist die Chance, von künftigen oralen Therapien tatsächlich zu profitieren. Ob es sinnvoll ist, auf neue Medikamente zu warten oder sofort mit der Maske zu beginnen, hängt von der individuellen CPAP-Verträglichkeit und dem Leidensdruck ab – eine Frage, die am besten gemeinsam mit einem Schlafmediziner beantwortet wird.











