Ein britischer Befund entfacht eine alte Debatte neu
Britische Psychologen haben eine Analyse veröffentlicht, die den jahrzehntealten Streit über Einschlafmethoden bei Säuglingen wieder aufflammen lässt. Manche Fachleute sehen es als unproblematisch an, ein Baby kurzzeitig weinen zu lassen – andere warnen eindringlich vor ernsthaften Risiken.
Das Thema nächtliches Schreien spaltet Eltern und Experten seit Jahrzehnten. Auf der einen Seite stehen Verfechter der Bindungstheorie, die argumentieren, dass eine schnelle und einfühlsame Reaktion auf jeden Schrei das Sicherheitsgefühl und das Vertrauen des Kindes zur Bezugsperson stärkt. Auf der anderen Seite stehen behavioristische Methoden – darunter verschiedene Varianten des sogenannten „Cry it out“, also das schrittweise oder vollständige Ignorieren des Weinens nach dem Zubettgehen.
Was die Wissenschaftler der Universität Warwick herausfanden
Psychologen der University of Warwick begleiteten die Entwicklung von 178 Säuglingen vom Zeitpunkt der Geburt bis zum achtzehnten Lebensmonat. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Eltern Strategien einsetzen, bei denen das Weinen beim Einschlafen schrittweise oder vorübergehend ignoriert wird – und welche Auswirkungen das auf die spätere Entwicklung der Kinder hat.
In Interviews schilderten die Eltern ihren Umgang mit nächtlichem Aufwachen und dem Einschlafen. Anschließend verglichen die Forscher Kinder aus Familien, die solche Methoden häufiger anwendeten, mit Kindern, deren Eltern sofort oder nahezu sofort auf das Weinen reagierten. Die Ergebnisse waren überraschend – und zogen eine Welle der Kritik nach sich.
Die Studie untersuchte mehrere Dimensionen der Bindungsqualität: das Sicherheitsgefühl in der Beziehung zur Bezugsperson (sicherer oder unsicherer Bindungstyp), frühe Verhaltensauffälligkeiten wie ausgeprägte Aggression oder Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation sowie Anzeichen von Angst oder sozialem Rückzug beim Kind.
Wie Forscher die emotionale Bindung zwischen Mutter und Säugling messen
Zur Bewertung der Bindung wurde unter anderem die Reaktion des Kindes in einer Situation kurzer Trennung und anschließender Wiedervereinigung mit der Bezugsperson beobachtet. Dieses klassische Verfahren aus der Entwicklungspsychologie ist seit Jahrzehnten bekannt – es handelt sich um die sogenannte Fremde Situation.
Die Autoren der Analyse kamen zu dem Schluss, dass der Einsatz von Cry-it-out-Strategien weder mit einer schlechteren Bindungsqualität noch mit einer Zunahme emotionaler Probleme bis zum achtzehnten Lebensmonat verbunden war. Kinder, deren Eltern ihnen gelegentlich erlaubten, länger zu weinen, schnitten in den Tests nicht schlechter ab als jene, die stets sofort getröstet wurden.
Kurz gesagt: In dieser konkreten Gruppe von Säuglingen war nicht erkennbar, dass kontrolliertes Ignorieren des Weinens die Eltern-Kind-Beziehung beeinträchtigte oder der emotionalen Entwicklung im ersten anderthalb Lebensjahren schadete. Das steht in deutlichem Widerspruch zur weit verbreiteten Überzeugung vieler Psychologen, wonach eine schnelle Reaktion auf jeden Schrei die Grundlage einer sicheren Bindung ist.
Warum viele Fachleute die britische Studie scharf kritisieren
Kurz nach der Veröffentlichung der Ergebnisse in einem Fachjournal erschien ein ausführlicher Kommentar zweier Entwicklungsforscherinnen. Ihrer Ansicht nach erlaubt das Studiendesign keine so weitreichenden Schlussfolgerungen, wie die Warwick-Autoren nahelegen.
Die Kritikerinnen benennen mehrere schwerwiegende methodische Mängel:
- Die zu kleine Stichprobe von lediglich 178 Familien lässt keine Verallgemeinerung auf die Gesamtbevölkerung zu
- Es fehlt eine präzise Definition dessen, was unter kontrolliertem Ignorieren des Weinens zu verstehen ist
- Die Studie berücksichtigt weder Intensität noch Dauer des Weinenlassens
- Eine Beobachtungszeit bis lediglich achtzehn Monate erfasst keine langfristigen Folgen
- Manche Familien ließen ihr Baby drei Minuten weinen, andere eine halbe Stunde
- Die Autoren fassen sehr unterschiedliche Praktiken in einer einzigen Kategorie zusammen
- Die Ergebnisse widersprechen klassischen Studien zur Bindungsforschung
- Die Analyse stützt sich zu stark auf subjektive Angaben der Eltern
Den Kritikerinnen zufolge verwischt das Zusammenwerfen von Familien, die ihr Kind drei Minuten weinen lassen, mit solchen, die eine halbe Stunde lang nicht reagieren, den Sinn der gesamten Analyse. In einer solchen Konstellation lassen sich negative Folgen extremer Praktiken leicht übersehen. Außerdem weisen sie darauf hin, dass die Studie die Kinder nicht lange genug beobachtete, um mögliche Probleme in einem späteren Alter aufzudecken.
Was die klassische Bindungstheorie besagt und warum sie den neuen Daten widerspricht
Die Zweifel wiegen umso schwerer, als die Warwick-Ergebnisse im Widerspruch zu einer der bekanntesten Forschungsreihen über die Mutter-Kind-Beziehung stehen. Forscherinnen, die Interaktionen im ersten Lebensjahr untersuchten, stellten fest, dass Kinder von Müttern, die schneller und häufiger auf das Weinen reagierten, später ruhiger und weniger weinend waren.
Zugleich zeigten diese Kinder eine stabilere Bindung an die Bezugsperson. Die neuen Daten widerlegen diese Beobachtungen nicht, stellen sie aber infrage und deuten darauf hin, dass das Bild komplexer sein könnte. Die Kritikerinnen der britischen Studie werfen den Autoren vor, mit diesem älteren wissenschaftlichen Erbe allzu leichtfertig umzugehen.
Der entscheidende Unterschied liegt möglicherweise nicht nur darin, ob ein Elternteil reagiert, sondern wie oft, wie schnell und in welchem Kontext. Entwicklungspsychologen betonen seit Langem, dass die Qualität der alltäglichen Fürsorge und die allgemeine Atmosphäre in der Familie eine größere Rolle spielen als einzelne Episoden.
Wie sich erschöpfte Eltern in dieser Unsicherheit zurechtfinden sollen
Im Ergebnis des ganzen Streits sind es nicht die Wissenschaftler, sondern die Eltern, die mit dem Problem allein gelassen werden. Medien, Blogs und Elternforen präsentieren höchst unterschiedliche Meinungen. Das Einschlafen wird zum Schauplatz eines ideologischen Krieges, statt als praktische Herausforderung betrachtet zu werden, die es in der konkreten Familie zu lösen gilt.
Erschöpfte Eltern, die nach Monaten nächtlichen Aufwachens mit Schlaftraining beginnen, hören, sie würden ihr Kind verraten. Wer sofort auf jedes Geräusch reagiert, wird beschuldigt, das Baby abhängig von seiner Anwesenheit zu machen. Das Ergebnis? Schuldgefühle nach jeder schlaflosen Nacht.
Die Autorin der umstrittenen Analyse äußert sich in öffentlichen Stellungnahmen bewusst zurückhaltend. Sie betont, dass die vorliegenden Daten keine eindeutige Antwort darauf geben, welche Methode für jedes Kind am besten geeignet ist. Es fehlen groß angelegte, mehrjährige Studien mit Tausenden von Familien. Außerdem sei klar zwischen dem Weinen am Tag – wenn Eltern in der Regel über andere Ressourcen verfügen – und dem nächtlichen Weinen zu unterscheiden, wenn alle erschöpft sind.
Aus der Forschung ergibt sich eher das Bild eines Spektrums an Praktiken als eine simple Wahl zwischen sofortiger Reaktion und Ignorieren. In vielen Haushalten entstehen eigene Kombinationen von Methoden, angepasst an das Temperament des Kindes und die Möglichkeiten der Erwachsenen. Fachleute sind sich einig: Eine Nacht oder eine Woche des Ausprobierens einer anderen Methode entscheidet nicht über das gesamte künftige emotionale Leben des Säuglings.
Praktische Empfehlungen, die unabhängig vom gewählten Einschlafansatz funktionieren
Der Wissenschaftsstreit geht weiter – doch Eltern mit einem weinenden dreimonatigen Baby auf dem Arm müssen jetzt eine Entscheidung treffen. Entwicklungspsychologen aus verschiedenen Lagern nennen übereinstimmend einige gemeinsame Grundsätze.
Feste Abendroutinen helfen. Eine wiederkehrende Abfolge aus Baden, ruhigem Spiel, Stillen oder Füttern, Kuscheln und Schlafen gibt dem Kind Vorhersehbarkeit. Die Signale des Babys zu beobachten ist entscheidend – ein Säugling beruhigt sich schnell, wenn er kurz weint, ein anderer regt sich dabei nur stärker auf.
Unterstützung für die Eltern macht einen enormen Unterschied. Schlaftraining, das ein völlig erschöpfter und einsamer Mensch durchführt, erhöht die Anspannung in der gesamten Familie. Ein weiteres Paar Hände oder zumindest einige Stunden Mittagsschlaf am Tag können die Situation spürbar verbessern. Auch Konsequenz in der gewählten Strategie wirkt besser als häufiges Wechseln zwischen extremen Ansätzen.
Die meisten Fachleute stimmen in einem Punkt überein: Eine einzelne Nacht oder eine Woche des Ausprobierens entscheiden nicht über das gesamte emotionale Leben des Kindes. Weit bedeutsamer ist die allgemeine Atmosphäre zu Hause, die alltägliche Verfügbarkeit der Bezugsperson und ihre Bereitschaft, langfristig auf die Bedürfnisse des Babys einzugehen. Die Debatte über das Weinen von Säuglingen zeigt eindrucksvoll, wie leicht die Wissenschaft in emotionale Auseinandersetzungen hineingezogen werden kann, sobald es um Elternschaft geht.











