NASA dämpft Elon Musks Träume. Mars als zweite Erde ist ein industrieller Albtraum

Warum die Verwandlung des Mars in einen bewohnbaren Planeten erschreckend aufwendig wäre

Eine im Auftrag der NASA erstellte neue Studie zeigt, dass die bekannte Idee, den Roten Planeten in ein freundliches Zuhause für die Menschheit zu verwandeln, einen industriellen Aufwand ohne jedes Vorbild in der Geschichte unserer Zivilisation erfordern würde. Das Hindernis ist dabei weder die Physik noch das Fehlen entsprechender Technologien — das eigentliche Problem ist der schiere, absurde Maßstab des Vorhabens.

Wissenschaftler spielen dieses Szenario seit Jahrzehnten durch: den Planeten erwärmen, Kohlendioxid aus Gesteinen und Polarkappen freisetzen, die Atmosphäre verdichten und dann Pflanzen ans Werk lassen, die die unwirtliche Welt Schritt für Schritt umgestalten. Elon Musk bezeichnet einen solchen Plan als den logischen nächsten Schritt der menschlichen Zivilisation. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.

Der Physiker Slava Turyshev vom Jet Propulsion Laboratory wurde beauftragt, auszurechnen, was die gesamte Aktion wirklich kosten würde — nicht in Dollar, sondern in Tonnen Masse und Gigawattstunden Energie. Sein Fazit ist eindeutig: Die vollständige Terraformierung des Mars ist heute einem Märchen näher als einem realistischen Ingenieurszeitplan.

Dünne Luft, die das Blut buchstäblich zum Kochen bringen würde

Der Atmosphärendruck auf dem Mars ist so niedrig, dass ein unvorbereiteter Mensch innerhalb weniger Sekunden sterben würde. Das Blut würde in den Adern bereits bei normaler Körpertemperatur zu kochen beginnen, weil die Umgebung praktisch keinen Druck auf den menschlichen Organismus ausübt. Ohne Druckanzug würde menschliches Gewebe sofort einen kochähnlichen Prozess durchlaufen.

Damit die Atmosphäre überhaupt ein minimales Sicherheitsniveau erreicht, müssten der Planetenoberfläche ungefähr 3,89 × 10¹⁵ Kilogramm Gas hinzugefügt werden. Das ist eine Zahl, die sich ein Mensch kaum wirklich vorstellen kann. Eine solche Notfallatmosphäre würde in ihrer Masse dem Marsmond Deimos entsprechen.

Eine komfortablere Atmosphäre mit Sauerstoff und Stickstoff würde hingegen in ihrer Masse dem Saturnmond Janus entsprechen — einem Körper, der etwa tausendmal schwerer als Deimos ist. In der Praxis würde das bedeuten, unvorstellbare Mengen an Material direkt vor Ort aus marszanischem Gestein und Eis zu gewinnen oder gleich ganze Monde aus anderen Teilen des Sonnensystems heranzuschaffen. Die Idee klingt eher wie die Handlung eines Videospiels.

Die Energielücke: tausend Jahre und zwanzigmal mehr Leistung als die gesamte Erde heute besitzt

Der beeindruckendste Teil der Analyse betrifft die Energieversorgung. Angenommen, auf dem Mars findet sich genug Wassereis, um daraus Sauerstoff herzustellen — es bleibt noch immer die Aufgabe, H₂O-Moleküle aufzuspalten, was enorme Mengen an chemischen Reaktionen mit hohem Energiebedarf erfordert.

Turyshevs Berechnungen zeigen, dass die vollständige Sauerstoffanreicherung der Marsatmosphäre eine kontinuierliche Leistung von etwa 380 Terawatt über einen Zeitraum von rund tausend Jahren erfordern würde. Das ist so, als würden wir die gesamte heutige Energieinfrastruktur unseres Planeten zwanzigmal verdoppeln, sie in eine eisige Einöde verlegen und dann zehn Jahrhunderte lang ohne Unterbrechung betreiben.

Und das alles in einer Umgebung voller Staub, Strahlung und extremer Temperaturschwankungen. Die Terraformierung des Mars würde einen energetischen Zivilisationssprung um eine ganze Größenordnung bedeuten — größer als alles, was wir je gebaut haben. Experten sind sich einig, dass ein solches Projekt die Kapazitäten der Menschheit um mindestens mehrere Jahrhunderte übersteigt.

Einen ganzen Planeten aufheizen: ein Kontinent aus kosmischen Spiegeln wäre nötig

Eine dichtere Atmosphäre allein reicht nicht aus. Der Mars ist deutlich kälter als die Erde, und die Durchschnittstemperatur müsste um etwa 60 Grad Celsius steigen, damit sich die Bedingungen auf einem für flüssiges Wasser günstigen Niveau stabilisieren. Das erfordert eine massive Energiezufuhr von außen.

Eines der populären Konzepte sieht vor, riesige Spiegel in eine Umlaufbahn zu bringen, die mehr Sonnenstrahlung auf die Planetenoberfläche — insbesondere die Pole — konzentrieren sollen. Turyshev hat ausgerechnet, wie groß eine solche Installation sein müsste. Das Ergebnis ist verblüffend.

  • Die Oberfläche Europas beträgt ungefähr 10 Millionen km²
  • Die vorgeschlagene Spiegelfläche zur Erwärmung des Mars: 70 Millionen km²
  • Das entspricht sieben Kontinenten in der Größe Europas, bedeckt mit reflektierendem Material im Weltraum
  • Der Betrieb eines einzigen wenige Meter großen Teleskops im Weltraum beschäftigt heute Hunderte von Ingenieuren
  • Die Planung solcher Projekte dauert Jahre und kostet Milliarden von Euro
  • Ein Kontinent aus Spiegeln, der einen anderen Planeten umkreist, gehört in die Science-Fiction einer sehr fernen Zukunft

Über eine solche Installation lässt sich nur im Kontext einer Zivilisation sprechen, die uns noch völlig unerreichbar ist. Experten sind sich einig, dass noch Jahrhunderte technologischen Fortschritts vor uns liegen, bevor wir solche Projekte ernsthaft in Betracht ziehen können.

Warum Musk diese Vision so entschieden vorantreibt

Laut dem Autor der Analyse erfüllt die Vorstellung eines grünen Mars heute vor allem die Funktion einer Geschichte. Sie nährt Träume, zieht die Aufmerksamkeit von Medien und Investoren auf sich und gibt dem Wettlauf um wiederverwendbare Raketen einen tieferen Sinn. Auf praktischer Ebene ist das dem kosmischen Marketing näher als einem Ingenieursprojekt mit einem konkreten Realisierungsdatum.

Das bedeutet nicht, dass Flüge zum Mars sinnlos sind. Die NASA, private Unternehmen wie SpaceX und andere Raumfahrtbehörden arbeiten tatsächlich an der Landung von Menschen auf dem Mars, der Errichtung von Basen, wissenschaftlicher Forschung und dem Abbau von Ressourcen. Doch der Übergang von einigen wenigen Basen in Druckanzügen zu einem Planeten, der von Wäldern und Seen bedeckt ist, ist ein so gewaltiger Sprung, dass sich beide Dinge kaum in dieselbe Kategorie einordnen lassen.

Wissenschaftler erinnern daran, dass zwischen den ersten bemannten Missionen und einer echten Kolonisierung ein riesiger Unterschied klafft. Ärzte und Biologen weisen zudem auf gesundheitliche Risiken hin, die mit einem langfristigen Aufenthalt in niedriger Schwerkraft und erhöhter Strahlungsbelastung verbunden sind.

Paraterraformierung: statt den Planeten umzubauen, Lebenskuppeln errichten

In der Analyse taucht ein Gedanke auf, der erheblich nüchterner klingt: das sogenannte Paraterraformieren. Statt den gesamten marsischen Planeten umzugestalten, schlägt man vor, begrenzte, aber vollständig kontrollierte Umgebungen zu schaffen, in denen Menschen ohne Raumanzug existieren und Pflanzen normal gedeihen können.

Es handelt sich um Bauwerke, die an riesige Gewächshäuser oder aufblasbare Städte unter einer durchsichtigen Membran erinnern. Der Mars hat eine niedrige Schwerkraft und eine dünne Atmosphäre — was paradoxerweise von Vorteil ist. Der Druckunterschied zwischen innen und außen hilft dabei, eine solche Struktur in aufgespannter Kuppelform zu halten.

Paraterraformierung würde Hunderte oder Tausende Hektar Felder, Parks und Wohnräume bedeuten, die von einer Schutzschicht umgeben sind — anstatt zu versuchen, den gesamten Planeten auf einmal zu verwandeln. Solche Projekte erfordern zwar immer noch enorme Investitionen, sind aber zumindest im Horizont des technologischen Fortschritts der nächsten paar Jahrhunderte vorstellbar.

Ein realistischer Ablauf könnte so aussehen:

  • Zunächst automatische Sonden und Baurobots, die das Terrain vorbereiten
  • Dann kleine Forschungsbasen mit geschlossenem Ressourcenkreislauf
  • Schrittweise größere Komplexe mit eigener Lebensmittelproduktion unter Schutzkuppeln
  • Schließlich dauerhafte Siedlungen mit einigen Tausend Bewohnern
  • Robotisches Bauwesen unter Einsatz von 3D-Druck aus lokalen Materialien
  • Fortschrittliche Wasser- und Luftrecyclingsysteme
  • Hocheffiziente erneuerbare Energiequellen
  • Schrittweise Erweiterung bewohnbarer Zonen

In dieser Vorstellung wird der Mars eher zu einem fernen, rauen Arbeits- und Forschungsort als zu einer romantischen neuen Erde für Millionen von Menschen, die vor den Problemen unseres Planeten fliehen. Ingenieure und Architekten arbeiten bereits heute an Entwürfen modularer Basen, die mithilfe von Robotern zusammengesetzt werden können.

Was uns die Terraformierung über unsere eigene Zivilisation verrät

Es lohnt sich, noch eine weitere Dimension zu bedenken: Turyshevs Berechnungen zeigen indirekt, welch enorme versteckte Energiekosten hinter den günstigen Bedingungen auf der Erde stecken. Unser Planet verfügt über eine dichte Atmosphäre, stabile Temperaturen und einen Wasserkreislauf, weil Milliarden von Jahren lang die gesamte Biosphäre gemeinsam mit der Geologie daran gearbeitet hat — nicht eine Handvoll Ingenieure an einem einzigen Projekt.

Wer über eine Flucht zum Mars nachdenkt, muss sich der Realität stellen: Es ist weit einfacher, die relative Stabilität auf der Erde zu erhalten, als von Grund auf auch nur einen Ersatz für das zu bauen, was wir hier bereits haben. Investitionen in Energie, den Schutz von Ökosystemen und die Anpassung an den Klimawandel können schnellere und greifbarere Ergebnisse liefern als Spekulationen über Jahrhunderte des planetaren Ingenieurswesens.

Für Weltraumbegeisterte ergibt sich aus all dem dennoch ein gewisser Vorteil: Solche Analysen lehren das konkrete Denken in Zahlen — nicht nur in großen Parolen. Die Träume vom Mars müssen nicht verschwinden, aber sie bekommen einen neuen, nüchterneren Kontext. Und die Frage bleibt offen: Macht es Sinn, sich auf sichere Flüge, Robotik, Lebenserhaltungstechnologien und kleine geschlossene Ökosysteme zu konzentrieren, die eines Tages tatsächlich in der roten Wüste stehen könnten?

Author

  • Marie zählt zu Deutschlands bekanntesten Gartenbloggerinnen. Aufgewachsen in einem Vorort, zog sie bewusst aufs Land, um sich dort einen autarken Gemüsegarten anzulegen. Marie zeigt anderen, wie sie sich das ganze Jahr über mit frischem Gemüse versorgen können, ohne ihre gesamte Freizeit im Garten zu verbringen. Sie ist außerdem Autorin mehrerer Bestseller zum Thema Garten.

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